Titelbild

Titelbild
Pferde auf Futtersuche

Mittwoch, 1. Juni 2011

Warum die Mongolei die Mongolei bleiben wird



Pussycat is back! Da Nadya für einige Tage nach UB gegangen ist, wohne ich während meiner letzten Tage hier wieder mit ihrer Katze zusammen. Das arme Tier hätte sonst 10 Tage alleine im Bad verbringen müssen.

Heute ist in der Mongolei ein Feiertag, der Mutter/Tochtertag. Ich wusste gar nicht, dass in Khovd so viele Leute wohnen. Okay, natürlich solle Khovd 30'000 Einwohner haben, aber ehrlich, von denen lassen sich im Winter gerade mal eine Hand voll draussen blicken. Jetzt aber, bei den hohen Temperaturen lebt diese Stadt richtig auf. Und heute erst recht: auf dem Square tummeln sich Knaben, die mit Spielzeugwaffen rumknallen, Mädchen, die vor ihnen davon rennen, Mütter, die ihren Kindern Spielzeuge kaufen, Väter in Winterstiefeln, die Glücksspiele spielen, Familien, die am Fotostand anstehen, ...

Zum Anlass des Feiertages wurde gestern auch ein Tanz- und Singwettbewerb durchgeführt. Und obwohl ich mich inzwischen ja so einiges gewohnt bin hier, werde ich noch täglich überrascht. Meine Spice Girls informierten mich auf alle Fälle schon am Freitag, dass sie am Dienstag an einem Tanzwettbewerb teilnehmen und dass sie dazu unbedingt meine Hilfe brauchen, weil sie dieses Mal wieder Erfolg haben wollen :).
Wir trainierten also Samstag bis Dienstag ziemlich intensiv. Und weil die Eltern von Buyana nicht viel vom tanzen halten, erzählte sie denen eben, sie würde Mathematik lernen. Immer wenn sie einen Anruf von ihnen erhielt, mussten wir die Musik ausmachen und mäuschenstill sein. Und apropos Anruf: Bei einem Tanztraining hier, kann schon mal mitten in der Choreo die einte davon laufen, weil sie ein SMS oder einen Anruf bekommt. Ständig hängen die Mädels an ihren Telefonen, beantworten SMS, schminken sich, zupfen sich Haare aus, putzen ihre Schuhe, ... naja, aber ich hab die Mädels diesmal wirklich ein wenig gedrillt, und sie haben auf mich gehört, sogar bei der Musikwahl.
Unsere 6-minütige Choreographie war dann, in Anbetracht der kurzen Vorbereitungszeit, perfekt! Wir waren also ready für das Podest (Das Einzige, was hier zählt.). Gestern um 17h mussten wir dann vor Ort sein. Okay, wir waren erst um 18h dort, aber die Veranstaltung hatte eh erst mit 2 Stunden Verspätung begonnen. Wie vorbildlich für die Kids!
Nun wurde leider nicht nur getanzt, sondern auch gesungen. Und alles auf der gleichen Bühne. Los ging es um 19h, und meine Girls tanzten um 1h15!! Und das Beste: Die Richter unterbrachen unsere Choreographie nach 3 Minuten!! Mir standen die Haare zu Berge. Sie seien müde.... Stellt euch vor, da trainieren Kinder auf diesen Wettbewerb hin, sie investieren viel Zeit und Energie, schwänzen die Schule (Naja, das konnte ich natürlich nicht so unterstützen. Oder doch? Sie lernen da ja eh nichts fürs Leben.) und endlich, nach 8h Wartezeit dürfen sie tanzen. Ihre Freunde, Familienangehörigen und und...( Ja, alle waren noch/wieder da.) erwarten mit Spannung die Choreographie und dann brechen die Richter die Tänze nach 3 Minuten ab. Nein, ich verüble ihnen nicht, dass sie müde waren, sondern dass sie sich nicht organisiert haben und dass sie vor der Arbeit der Kids keinen Respekt haben!
Leider ist das hier aber völlig normal. Der Lehrer spielt während den Mündlichprüfungen am PC Spiele, mit Ton. Wenn die Prüfung um 9h anfängt, dann erscheint der Lehrer um 10h. Dafür braucht er sich nicht zu entschuldigen, er ist ja Lehrer. Verschiebt er eine Mündlichprüfung auf 17h, kann es auch sein, dass er gar nicht erscheint. Dass er keine Zeit hatte, sagt er den zwei Studentinnen dann am folgenden Tag. Und wenn wir schon bei den Prüfungen sind: Die Aufgaben der deutschen Staatsprüfung und deren Lösungen hat die Klassenlehrerin ihren Zöglingen schon Tage zuvor ausgeteilt. Naja, was würde wohl die Uni-Leitung von ihrer Arbeit halten, wenn 90% der Klasse durchfallen? Zudem war das Abschiedsgeschenk der Klasse so teuer, dass niemand durchfallen durfte.
Und das sind Vorbilder! Wie soll sich hier etwas ändern, wenn jeder nur darauf wartet, auch endlich am längeren Hebel zu sitzen, auch endlich älter zu sein und die Jüngeren nach seiner Pfeife tanzen zu lassen?
Aber zurück zum gestrigen Abend: Ich weiss nicht, ob sich meine Mädels nicht richtig informierten oder ob es keine Informationen gab. (Ich tippe auf Letzteres.) Auf alle Fälle sagten sie mir, es gäbe 20 Teilnehmer in der Kategorie Singen und 17 beim Tanzen. Eigentlich absehbar. DENKSTE! Es waren insgesamt sicher über 70 Teilnehmer. Und jedes Mal, wenn eine Kategorie zu Ende war und ich damit rechnete, dass jetzt die Mädchen dran sind, war da noch eine andere Kategorie. „Singen 17-20 Jahre“, „Tanzen alleine unter 17 Jahren“, „Singen im Quartett unter 20 Jahren“, „Singen mit Instrumentalbegleitung“ (Ok, davon gab es nur zwei, wer spielt hier schon ein Instrument.), „Lateintänze 8-15 Jahre“, ...Es musste aber auch jeder Knorrli auf die Bühne! Egal ob er/sie singen konnte oder nicht Wenigstens hatte die Organisation (War da eine?) das Programm (War da eines?) spontan umgestellt und die Kategorie „Tanzen 8-12 Jahre“ vorgezogen, so dass deren Wartezeit schon um 23h30 ein Ende hatte. In der Schweiz wären schon längst alle davon gelaufen. Zudem war es im Raum extrem warm und es wurde weder Essen noch Getränke angeboten.
Wie schon erwähnt, tanzten meine Girls dann um 1h15. Natürlich müde und k.o. Aber gut! Wir wurden 2. Hätten aber sicher noch besser abschneiden können, wenn wir den 2. Teil unserer hart erarbeiteten Choreographie auch hätten zeigen dürfen... Ich bin aber sehr stolz, denn wir haben einige renommierte Teams hinter uns gelassen. Meine Schweizer Präzisionsarbeit hat sich also doch bewährt :) Muss vielleicht noch hinzufügen, dass nicht alle meine Girls nicht zu den Besten in Khovd gehören.

Tja, bei diesen Erlebnissen wird mir immer wider bewusst, wie anders/gut wir es doch in der Schweiz haben. Und wie anders der Mongole tickt.

Und nun noch etwas zu meinen letzten Wochen hier: Nach den zwei verbleibenden Sportprüfungen (Hoffentlich muss ich mich nicht um die durchgefallenen Deutschstudis kümmern... Ja, ich liess deren zwei durchfallen, verschenkte aber haufenweise Punkte!). möchte ich, bevor ich am 20. Juni nach UB fahre (mit dem Bus...) noch etwas vom Land sehen. Mal schauen, ob das klappt. In UB möchte ich dann noch etwas das Tanzbein schwingen und meine Abschiedstour starten. Am 3. Juli bin ich zu Hause. Ja, ich freue mich darauf, ich habe vom (Schul-)System hier die Schnauze voll. Aber auch wenn ich mich wiederhole, die Mongolei ist für mich nach wie vor das schönste Land auf Erden. Man muss den Mongolen einfach so nehmen, wie er ist. Für das System kann er ja nichts.

PS: Meine TanzschülerInnen werde ich vermissen. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Inzwischen sind sie richtig gute (Salsa-)TänzerInnen. Dennoch freue ich mich auch auf das Salsatanzen in der Schweiz, mit Frauen, die nicht durch meine Schule gegangen sind :)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen