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Pferde auf Futtersuche

Dienstag, 2. August 2011

Die Zeit danach

Eigentlich weiss ich gar nicht, was ich noch schreiben soll. Die Zeit in Khovd ist für mich irgendwie schon weit, viel zu weit weg. Wen interessiert das denn noch...?
Erstaunlich, wie schnell einem der Schweizer Alltag wieder eingeholt hat, wie schnell alles wieder selbstverständlich ist: die DRS-Nachrichten zu jeder vollen Stunde, heisses Wasser, verbindliche Termine, der öffentliche Verkehr,... alles ist wieder so wie früher, leider... Nicht selten halte ich allerdings einen Moment inne, weil ich an die Zeit in Khovd erinnert werde, etwa dann, wenn im Radio die gleiche Musik gespielt wird wie in Khovds Diskotheken (aber ausgespielt!), wenn das Duschwasser angenehm warm ist, wenn ich in Kaufhäusern mit offenem Mund vor riesigen (Gemüse-, Käse-,...) Abteilungen stehe oder wenn ich in der Salsadisco den vielen begeisterten Tanzenden zuschaue. Besonders wenn in der Disco Musik gespielt wird, zu der ich auch in Khovd mit meinen SchülerInnen tanzte, werde ich tatsächlich etwas sentimental. Ich wünsche mir dann immer, Giimaa und die anderen Salsafans aus Khovd könnten jetzt bei mir sein.
Beim Einkaufen verhalte ich mich noch immer wie ein kleines Kind: Ich will alles kaufen, alles! Mein Kühlschrank quillt über, inzwischen habe ich mir ein Käse- und Gemüseverbot auferlegt.

Aber auch wenn es in Khovd kaum feines Gemüse gab: Ich würde wieder gehen. Ich vermisse viele und vieles. Ich weiss aber auch, dass es eine sehr sehr nervenaufreibende Zeit war, vor allem an der Uni. Es müsste ja auch nicht wieder Khovd sein. In der Nähe von UB gibt es einige interessante Orte, wo man auch täglich an Käse kommt. Und von wo aus man am Wochenende mal kurz nach UB an eine Salsaparty gehen könnte: Workshops geben und andere (gute) Tänzerinnen kennen lernen... Ja, ihr seht, meine Zeit hier in der Schweiz ist absehbar... Aber es kann ja noch viel passieren.
Sollte ich denn auch wieder gehen, würde ich mich nicht noch einmal mit dem Mongolischen Schulsystem auseinandersetzen wollen. Arbeite ich in Zukunft nochmals in der Mongolei, dann will ich mit dem Schulsystem nichts, aber gar NICHTS am Hut haben!

Natürlich wäre Ulan Bator interessant für einen weiteren Aufenthalt. Während ich da vor meiner Abreise in die Schweiz meine letzten Tage verbrachte, tanzte und unterrichtete ich fast täglich Salsa und Bachata, ass Kebabs, Salat und genoss guten Kaffee. Aber da waren auch dieser stinkende Verkehr, die dreckige Luft, die arroganten und reichen Leute. Zudem wurde ich weder mit „bagsha“, „Lussii“ oder „dance instructor“ angesprochen, noch grüssten mich die Kids: In UB ist man leider einer von 10'000 anderen Touristen. Schade. Und in den Supermärkten kann man zudem alles kaufen, was das Herz begehrt. Wo ist bleibt da das Erlebnis?

Aber jetzt schauen wir erst einmal, was die Schweiz und St. Gallen zu bieten hat. Ich habe eine wunderschöne Wohnung (http://picasaweb.google.com/115788699100634517128) und fühle mich in der Stadt pudelwohl. Die Leute hier sind ungeheuerlich nett!! Allerdings muss ich sagen, dass mir auffällt wie viele Leute in der Schweiz rauchen und auch wie viele Übergewichtige es gibt. Jaja, auch der Mongole hat sein Bäuchlein, aber das hier in der Schweiz gibt einem (mir) schon zu denken.
Das Lehrerteam an der Kantonsschule am Burggraben macht mir einen supersympathischen Eindruck und ich freue mich auf den Schulbeginn am 15. August. Montags, Dienstags- und Mittwochmorgens habe ich übrigens schulfrei :) Und da die Salsaszene in SG nicht existiert, habe ich mich auch schon nach einem Tangokurs umgesehen. Vielleicht heisst es ja schon bald: „Tango goes Mongolia“.

Passt auf euch auf und besucht die Mongolei!
Für Reiseinformationen stehe ich natürlich jederzeit zur Verfügung:

Und hier auch gleich noch meine neue Adresse:

Lucien Perrinjaquet
Kesselhaldenstrasse 25
9016 St. Gallen
071 534 90 47
079 507 34 22

Donnerstag, 23. Juni 2011

Immer wenns am schönsten ist...



Vor wenigen Tagen sass ich noch auf meinem Balkon, habe die Sonne und den Kaffee genossen, spielte mit 30 Kindern Fangen, Verstecken, Zeitung lesen, schwang mit meinen guten Salsaschülern das Tanzbein und vergnügte mich mit den Kindern meines Sportlehrerkollegen. Und jetzt, nach der über 50-stündigen Busfahrt nach Ulan Bator, erscheint mir das alles schon wie ein Traum.

Nein, die Universität werde ich keinesfalls vermissen. Hab ich schon gesagt, dass die Abschlussklasse für ihr Staatsexamen die Lösungen zuvor bekommen hatte und sie mit ihrer Lehrerin sogar diskutierte? Oder dass die besagte Lehrerin das 3. Studienjahr (Jenes, das eine Prüfung nachholen musste, weil nicht alle Studis die Prüfungsgebühr rechtzeitig entrichtet hatten. Ich habe davon im letzten Blog etwas erwähnt.) die Wortschatzprüfung unbeaufsichtigt schreiben liess? Ja, die Prüfung wurde am Samstag nachgeholt, am Tag der Diplomfeier. Jene begann 2h verspätet und dauerte dafür 4h länger. Und die Prüfung fand natürlich genau dann statt, als die Lehrerin die Diplome übergeben musste. Was natürlich nicht absehbar war... Ich besuchte die Klasse und stellte dabei fest, dass die Prüfungsaufgaben auch schon im Voraus bekannt waren. Ich befürchte zudem, dass die Prüfungen nie korrigiert wurden. Warum auch, es war eh eine Klassenarbeit im wahrsten Sinne.

Aber zurück zum Schönen. Die letzten Tage in Khovd habe ich richtig genossen. Die Kids aus der Nachbarschaft hatten mich doll lieb gewonnen, was zur Folge hatte, dass ich mich kaum mehr auf dem Balkon hatte blicken lassen können, ohne aufgefordert zu werden, zum Spielen runter zu kommen, Seilhüpfen, Fangen, Fresbee, Verstecken, Zeitungslesen,...
Da war auch die Mongolische Aerobicmeisterschaft der Junioren. Ich begleitete das Team von meinem Sportlehrerkollegen. Leider konnte ich nie einem seiner Aerobictrainings beiwohnen, er soll ein harter Hund sein. Und dementsprechend waren auch die Leistungen. WOW! Sind die Kids beweglich. Allerdings Musik- und Taktgefühl, da war nicht viel :) Und die Eröffnungsfeier glich eher einer Militärparade. Preise wurden auch eine ganze Menge verliehen. Von den ca. 100 Athleten habe ich gerade mal 15 ausmachen können, die ohne Medaille von dannen ziehen mussten. Ja, das ist auch Mongolei, Medaillen, Pokale und Auszeichnungen für und über alles. Dabei handelt es sich bei diesen Preisen um billigen Fusel, die Medaille ist wahrscheinlich nicht mal die paar Rappen wert, die sie kostete und der Pokal ist aus Plastik und fällt fast auseinander. Aber egal, sieht gut aus und macht sich gut zu Hause. Auszeichnungen über alles! Apropos Preisverleihung: Die Veranstalter, Richter und Trainer haben auch alle Medaillen, Pokale, Bilder und Auszeichnungen erhalten. Ihre Verleihung dauerte fast länger als jene der Kinder. Und jene hatten während dieser Zeit stramm zu stehen.

Die Busfahrt, wuahhh... Mein Hintern! Zwei Nächte ohne Schlaf. Und ehrlich, bei so einer Busfahrt könnten einem die Mongolen schon Angst machen. Dieses ständige Spucken und Rotzen, den Abfall aus dem Fenster werfen, Essen wie eine Horde Wölfe, Toilette wo es gerade passt. Das ist schon ein komisches Volk. Und hier in UB schaut natürlich jeder nur für sich selber. Was auch ganz lustig war, ihr könnte es auf meinem Onlinealbum beobachten, wenn wir einen Halt machten, dann legten sich die Mongolen immer sofort auf den Boden. Gleich vor der Bustüre. Zur Entspannung. Egal, wie nass oder dreckig der Boden ist, jede Sekunde liegen war für sie Erholung. Wobei der Mongole also auch im Bus schlafen kann, wahrscheinlich sogar im Stehen. Lulu hat natürlich kein Auge zugebracht. Zwar hatte ich tatsächlich einen Sitzplatz für mich alleine, aber leider nur Platz für einen Fuss. Der Bus hatte ungefähr 35 Plätze, wir waren 45 Leute. Immer wenn es ums einsteigen ging, war der Bus schon voll, während draussen noch eine tanze Gruppe von Leuten stand, die rein musste. Busfahren in der Mongolei ist einfach ein Erlebnis. Deshalb habe ich es mir auch angetan. Dabei kam mir allerdings in den Sinn, dass ich mir schon im letzten September schwor, dass ich mir das nie wieder antun werde.... Irgendwie bin ich dafür zu alt oder zu wenig mongolisch.

Der Abschied tat wirklich weh und während der Busfahrt habe ich mir ernsthaft überlegt, wieder einmal nach Khovd zurück zu kehren. Nächstes Jahr? Aber dann nicht als Lehrer, nein danke!

Hier in Ulan Bator habe ich bereits zwei Salsakurse gegeben. Eigentlich wäre momentan auch meine beste Schülerin aus Khovd hier. Sie ist aber erst 15 Jahre alt und ihre Eltern wollen sie um keinen Preis nach draussen lassen, UB ist halt schon ein anderes Pflaster als Khovd. Dabei wäre es so schön, nochmals mit ihr zu tanzen. Sie ist wirklich gut! Und ich dachte sogar daran, am Samstag, wenn hier eine Salsaparty stattfindet, mit ihr eine kleine Show zu tanzen. Aber eben, sie darf nicht raus.

Bon, inzwischen ist meine Wäsche trocken und ich kann mich auf die Strassen der verrücktesten Hauptstadt der Welt machen.
Noch eine Neuigkeit meine Zukunft in SG betreffend. Wenn alles gut geht, dann habe ich jetzt auch eine Wohnung :)
Und schaut euch doch noch meine neusten und letzten Fotos aus Khovd an:

Salsapeople on the river:

Schaf grillieren auf Kasachische Art:

Abschied und Busfahrt:

Freitag, 10. Juni 2011

Abschied nehmen


Auf dem Balkon sitzend, Kaffee trinkend oder Resten essend vertreibe ich mir hier die letzten Tage.
Dabei dauert es jeweils nicht lange, bis mich die Kinder aus dem Quartier nach unten rufen „Bagsha! Bagsha!“. Ich habe ihnen letzte Woche ein paar Seilhüpf-Tricks beigebracht, jetzt sind sie meine grossen Fans und klopfen auch mal sonntagmorgens an meine Tür... Wir können uns zwar nicht verständigen, verstehen uns aber sehr gut. Und so steh ich fast täglich in Mitten der Kids und schwinge das grosse Springseil und versuche ihnen Neues beizubringen. So schön, die Jungs spielen Fussball, die Mädchen ziehen Seil hüpfend um die Blöcke. Kein Gameboy, keine Handys, nur ab und zu ein Fahrrad. Von den Mongolen werde ich beim Mitspielen belächelt, ein Erwachsener, der sich mit Kindern abgibt, noch dazu ein Tourist...

Die Uni ist so gut wie vorbei. Uffff.... bin ich froh. Die Deutschstudis im Abschlussjahr haben alle bestanden, sie haben die Aufgaben und die Lösungen schon vor der Prüfung mit ihrer Lehrerin besprochen. So läuft das hier (wohl). Was soll ich mich noch aufregen, ich denke, dass alle froh sind, dass dieses faule Studienjahr endlich weg ist.
Froh sind wohl auch einige Lehrer, denen ich das Lehrerleben nicht ganz einfach gemacht habe, oder der Fakultätsleiter, der jedes Mal, wenn ich ihm ausserhalb der Uni begegnete, betrunken war. Zum Beispiel am letzten Samstag, als er an der Grillade der Sportstudenten (Wir haben nach kasachischer Art ein Schaf geschächtet.) um 17h mit vier auch betrunkenen Kollegen auftauchte! „No photos!“ hat er mir noch gesagt. Anscheinend weiss er wenigstens, dass er sich vor den Studis nicht betrunken zeigen sollte.
Aber er ist bei Weitem nicht der einzige, der sich beim Essen der Abschlussklassen volllaufen lässt.

Tja, und wenn ich auch ein (für mongolische Verhältnisse) harter Hund war, scheinen mich doch die meisten meiner Studis gerne zu mögen und zu vermissen.
Zwar bezweifeln einige Lehrkräfte hier doch tatsächlich, dass ich eine Lehrerausbildung habe. Ich würde falsch unterrichten :) Aber kann man ihnen verübeln, dass sie hier ein anderes Verständnis von Unterricht haben? Auswendig lernen, auswendig lernen und nochmals auswendig lernen. Auf den Schüler eingehen? Eine Beziehung mit ihm aufbauen? Ihn als Gegenüber akzeptieren und respektieren? Mal einen Witz machen? Ihnen etwas Lustiges beibringen. Das alles gehört sich in der Mongolei nicht für einen Lehrer.
Dafür darf der Lehrer hier 4h zu spät an der Mündlichprüfung erscheinen und niemand zuckt mit der Wimper. Lehrer haben immer Recht. Dafür lassen sie dann auch mit sich über die Note verhandeln. Dass meine Note der Leistung des Studis entspricht, unabhängig davon, ob es sich um Kasachen, Mongolen, hübsche Studentinnen oder faule Säcke handelt, sind sich die Studierenden nicht gewohnt. „Ihr bekommt die Note, die ihr verdient habt.“ So etwas können sie sich gar nicht vorstellen. Wie gesagt, dennoch (deshalb), mögen mich viele Studenten ganz gut. Wir werden uns gegenseitig vermissen.

Bei zwei,drei Lehrkräften sieht es anders aus. Wir sind wohl froh, wenn wir uns nicht mehr sehen. Sie sind wahrscheinlich zu einem grossen Teil auch etwas eifersüchtig. Da kommt ein Schweizer, setzt sich mit den Studierenden auseinander, reisst sich für sie den Hintern auf, damit sie die Wörterbücher über die Ferien zum Lernen mit nach Hause nehmen können, macht (gratis) Photokopien für sie, lädt sie zu sich nach Hause ein, kocht und spielt mit ihnen, stellt ihnen mp3-Player zur Verfügung und interessiert sich für ihre Fortschritte. Ja, da sind sie mit ihrem unvorbereiteten Unterricht schon recht langweilig. Ich muss aber auch zugeben, dass einige Studis mit meinen Unterrichtsmethoden etwas überfordert waren. Wenn 80% aller jungen Erwachsenen in diesem Land an eine Uni gehen, heisst das ja auch nicht, dass sie alle auch studierfähig sind...

Die Uni ist übrigens für das 3. Studienjahr noch nicht ganz vorbei. Zwar war die letzte Prüfung für heute Morgen angesetzt, aber weil 2 Studentinnen ihre Semestergebühren noch nicht bezahlt haben, darf die ganze(!) Klasse nicht zur Prüfung antreten. Normalerweise findet die Prüfung in solchen Fällen trotzdem statt, ohne die schuldigen Studis, aber bei der letzten Prüfung sei das nicht der Fall.
Mongolia! Eine Lösung ist nicht in Sicht. Aber Mongolei heisst ja auch: Nichts ist unmöglich. Und oft klappt es schneller als man denkt.

Ich bin noch bis am 20. Juni hier in Khovd. Es hat hier kürzlich ziemlich viel geregnet, ist heute aber wieder sehr heiss (bis gegen 30 Grad). Viele Mongolen verlassen die Stadt, weil sie den Sommer auf dem Land verbringen. Dafür lassen sich schon einige Touristen hier blicken. Und Mücken und Fliegen... Apropos „fliegen“: Ankunft am 3. Juli in Basel, 18h35. Aber wir hören uns bestimmt noch vorher. Von der Busreise nach UB wird es mit Sicherheit auch noch etwas zu erzählen geben. Und auch von der Uni, gemäss dem Motto: „It ain't over 'till it's over“.



Mittwoch, 1. Juni 2011

Warum die Mongolei die Mongolei bleiben wird



Pussycat is back! Da Nadya für einige Tage nach UB gegangen ist, wohne ich während meiner letzten Tage hier wieder mit ihrer Katze zusammen. Das arme Tier hätte sonst 10 Tage alleine im Bad verbringen müssen.

Heute ist in der Mongolei ein Feiertag, der Mutter/Tochtertag. Ich wusste gar nicht, dass in Khovd so viele Leute wohnen. Okay, natürlich solle Khovd 30'000 Einwohner haben, aber ehrlich, von denen lassen sich im Winter gerade mal eine Hand voll draussen blicken. Jetzt aber, bei den hohen Temperaturen lebt diese Stadt richtig auf. Und heute erst recht: auf dem Square tummeln sich Knaben, die mit Spielzeugwaffen rumknallen, Mädchen, die vor ihnen davon rennen, Mütter, die ihren Kindern Spielzeuge kaufen, Väter in Winterstiefeln, die Glücksspiele spielen, Familien, die am Fotostand anstehen, ...

Zum Anlass des Feiertages wurde gestern auch ein Tanz- und Singwettbewerb durchgeführt. Und obwohl ich mich inzwischen ja so einiges gewohnt bin hier, werde ich noch täglich überrascht. Meine Spice Girls informierten mich auf alle Fälle schon am Freitag, dass sie am Dienstag an einem Tanzwettbewerb teilnehmen und dass sie dazu unbedingt meine Hilfe brauchen, weil sie dieses Mal wieder Erfolg haben wollen :).
Wir trainierten also Samstag bis Dienstag ziemlich intensiv. Und weil die Eltern von Buyana nicht viel vom tanzen halten, erzählte sie denen eben, sie würde Mathematik lernen. Immer wenn sie einen Anruf von ihnen erhielt, mussten wir die Musik ausmachen und mäuschenstill sein. Und apropos Anruf: Bei einem Tanztraining hier, kann schon mal mitten in der Choreo die einte davon laufen, weil sie ein SMS oder einen Anruf bekommt. Ständig hängen die Mädels an ihren Telefonen, beantworten SMS, schminken sich, zupfen sich Haare aus, putzen ihre Schuhe, ... naja, aber ich hab die Mädels diesmal wirklich ein wenig gedrillt, und sie haben auf mich gehört, sogar bei der Musikwahl.
Unsere 6-minütige Choreographie war dann, in Anbetracht der kurzen Vorbereitungszeit, perfekt! Wir waren also ready für das Podest (Das Einzige, was hier zählt.). Gestern um 17h mussten wir dann vor Ort sein. Okay, wir waren erst um 18h dort, aber die Veranstaltung hatte eh erst mit 2 Stunden Verspätung begonnen. Wie vorbildlich für die Kids!
Nun wurde leider nicht nur getanzt, sondern auch gesungen. Und alles auf der gleichen Bühne. Los ging es um 19h, und meine Girls tanzten um 1h15!! Und das Beste: Die Richter unterbrachen unsere Choreographie nach 3 Minuten!! Mir standen die Haare zu Berge. Sie seien müde.... Stellt euch vor, da trainieren Kinder auf diesen Wettbewerb hin, sie investieren viel Zeit und Energie, schwänzen die Schule (Naja, das konnte ich natürlich nicht so unterstützen. Oder doch? Sie lernen da ja eh nichts fürs Leben.) und endlich, nach 8h Wartezeit dürfen sie tanzen. Ihre Freunde, Familienangehörigen und und...( Ja, alle waren noch/wieder da.) erwarten mit Spannung die Choreographie und dann brechen die Richter die Tänze nach 3 Minuten ab. Nein, ich verüble ihnen nicht, dass sie müde waren, sondern dass sie sich nicht organisiert haben und dass sie vor der Arbeit der Kids keinen Respekt haben!
Leider ist das hier aber völlig normal. Der Lehrer spielt während den Mündlichprüfungen am PC Spiele, mit Ton. Wenn die Prüfung um 9h anfängt, dann erscheint der Lehrer um 10h. Dafür braucht er sich nicht zu entschuldigen, er ist ja Lehrer. Verschiebt er eine Mündlichprüfung auf 17h, kann es auch sein, dass er gar nicht erscheint. Dass er keine Zeit hatte, sagt er den zwei Studentinnen dann am folgenden Tag. Und wenn wir schon bei den Prüfungen sind: Die Aufgaben der deutschen Staatsprüfung und deren Lösungen hat die Klassenlehrerin ihren Zöglingen schon Tage zuvor ausgeteilt. Naja, was würde wohl die Uni-Leitung von ihrer Arbeit halten, wenn 90% der Klasse durchfallen? Zudem war das Abschiedsgeschenk der Klasse so teuer, dass niemand durchfallen durfte.
Und das sind Vorbilder! Wie soll sich hier etwas ändern, wenn jeder nur darauf wartet, auch endlich am längeren Hebel zu sitzen, auch endlich älter zu sein und die Jüngeren nach seiner Pfeife tanzen zu lassen?
Aber zurück zum gestrigen Abend: Ich weiss nicht, ob sich meine Mädels nicht richtig informierten oder ob es keine Informationen gab. (Ich tippe auf Letzteres.) Auf alle Fälle sagten sie mir, es gäbe 20 Teilnehmer in der Kategorie Singen und 17 beim Tanzen. Eigentlich absehbar. DENKSTE! Es waren insgesamt sicher über 70 Teilnehmer. Und jedes Mal, wenn eine Kategorie zu Ende war und ich damit rechnete, dass jetzt die Mädchen dran sind, war da noch eine andere Kategorie. „Singen 17-20 Jahre“, „Tanzen alleine unter 17 Jahren“, „Singen im Quartett unter 20 Jahren“, „Singen mit Instrumentalbegleitung“ (Ok, davon gab es nur zwei, wer spielt hier schon ein Instrument.), „Lateintänze 8-15 Jahre“, ...Es musste aber auch jeder Knorrli auf die Bühne! Egal ob er/sie singen konnte oder nicht Wenigstens hatte die Organisation (War da eine?) das Programm (War da eines?) spontan umgestellt und die Kategorie „Tanzen 8-12 Jahre“ vorgezogen, so dass deren Wartezeit schon um 23h30 ein Ende hatte. In der Schweiz wären schon längst alle davon gelaufen. Zudem war es im Raum extrem warm und es wurde weder Essen noch Getränke angeboten.
Wie schon erwähnt, tanzten meine Girls dann um 1h15. Natürlich müde und k.o. Aber gut! Wir wurden 2. Hätten aber sicher noch besser abschneiden können, wenn wir den 2. Teil unserer hart erarbeiteten Choreographie auch hätten zeigen dürfen... Ich bin aber sehr stolz, denn wir haben einige renommierte Teams hinter uns gelassen. Meine Schweizer Präzisionsarbeit hat sich also doch bewährt :) Muss vielleicht noch hinzufügen, dass nicht alle meine Girls nicht zu den Besten in Khovd gehören.

Tja, bei diesen Erlebnissen wird mir immer wider bewusst, wie anders/gut wir es doch in der Schweiz haben. Und wie anders der Mongole tickt.

Und nun noch etwas zu meinen letzten Wochen hier: Nach den zwei verbleibenden Sportprüfungen (Hoffentlich muss ich mich nicht um die durchgefallenen Deutschstudis kümmern... Ja, ich liess deren zwei durchfallen, verschenkte aber haufenweise Punkte!). möchte ich, bevor ich am 20. Juni nach UB fahre (mit dem Bus...) noch etwas vom Land sehen. Mal schauen, ob das klappt. In UB möchte ich dann noch etwas das Tanzbein schwingen und meine Abschiedstour starten. Am 3. Juli bin ich zu Hause. Ja, ich freue mich darauf, ich habe vom (Schul-)System hier die Schnauze voll. Aber auch wenn ich mich wiederhole, die Mongolei ist für mich nach wie vor das schönste Land auf Erden. Man muss den Mongolen einfach so nehmen, wie er ist. Für das System kann er ja nichts.

PS: Meine TanzschülerInnen werde ich vermissen. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Inzwischen sind sie richtig gute (Salsa-)TänzerInnen. Dennoch freue ich mich auch auf das Salsatanzen in der Schweiz, mit Frauen, die nicht durch meine Schule gegangen sind :)


Dienstag, 3. Mai 2011

Der Mongole ist nicht wie wir...


In Ulan Bator kann man den Urin seiner Grossmutter einfrieren lassen. Grossi-Urin gilt bei den Mongolen heute noch als Allerweltsheilmittel. Warum soll man sich also nicht absichern für die Zeit, wenn Grossi mal nicht mehr kann/muss...
Quasi alle Mongolen glauben auch an Geister.

Liebe BlogleserInnen. Endlich melde ich mich wieder. Es tut mir leid, dass es um mich so lange still war. Es ist aber seit Februar täglich wärmer geworden, was zur Folge hatte, dass ich mich nicht mehr mit PC und Akkordeon in meine 12 Grad „warme“ Küche zurückziehen musste. Der Frühling ist gekommen und mit ihm sind die Kinder auf die Strassen und Spielplätze zurückgekehrt. Es riecht wieder nach Mongolei, es grünt, Autos fahren wieder (schneller) und die Leute flanieren und sitzen im Freien. Lussii hat auch schon 2 Mal den Hausberg erklommen (siehe Picasawebalbum) und war sogar einmal joggen. Inzwischen hat es auch einmal geregnet (das 1. Mal seit meiner Abreise aus der CH) und in der Wohnung herrschen teilweise tropische Temperaturen. (Die Mongolen haben anscheinend im Winter nicht alle Kohle verheizt. Das funktioniert wahrscheinlich wie in den Schweizer Schulen mit den Budgets, wenn man nicht alles aufbraucht, gibt es nächstes Jahr weniger...)

Ich möchte euch in diesem Blog den Mongolen und die schöne Mongolin etwas näher bringen. Übrigens sind es Letztere, die die mongolische Welt aufrecht erhalten: Es sind die Frauen, die Schnee schaufeln, Einkaufstaschen tragen, mit Pickel einen Betonzaun niederreissen, arbeiten gehen während sich der Mann um die Kinder kümmert, betrunkene Disco-Besucher nach draussen begleiten, den Müll auf der Strasse und in den Treppenhäusern sammeln und „entsorgen“, kochen, den Schulhausplatz putzen,... Männer schauen dabei oft einfach zu (oder fern).
Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wenige. Eine Mongolin hat mir mal erklärt, dass die Männer zu Dschingis Khan Zeiten viel geleistet hätten und sich jetzt in der Erholungsphase befinden würden.

Noch einmal: Es gibt Ausnahmen, aber mal im Ernst, ich bedaure alle engagierten Mongolinnen, die sich hier einen Mann anlachen müssen. Und umgekehrt beneide ich die Mongolen um ihre schönen Frauen... Keine Angst, ich bringe keine mit nach Hause. Ich und eine Mongolin, das würde nie und nimmer klappen. Wie gesagt, der Mongole ist nicht wie wir. Manchmal hab ich sogar das Gefühl, dass man zwischen einer ausserirdische Lebensform und uns Europäern noch mehr Gemeinsamkeiten ausmachen könnte als zwischen uns und dem Mongolen. Das ist keinesfalls abschätzig gemeint! Ich liebe dieses Land noch immer und ich schätze seine Einwohner, Kulturen und Traditionen. Wenn nur das Schulsystem....

Nun also einige mongolische Gegebenheiten, die auch etwas zum Schmunzeln und Nachdenken anregen sollen!
PS: Die beste steht am Ende.

Wenn mein Unterricht zu Ende ist, dann stehen meine Schülerinnen, ab und zu auch mal ein Schüler, vor dem Spiegel beim Ausgang Schlange und kontrollieren ihre Frisuren, ob ihre Kleider sitzen und ob das Make-up noch hält. Noch schlimmer ist Porno-Pet, der vor jedem Verlassen des Lehrerzimmers akribisch kontrolliert, ob seine Frisur schön glatt liegt, sich die Haare aus dem Gesicht streicht und nochmal kräftig ins Lavabo rotzt.

Rotzen tun hier alle Männer, Frauen weniger. Sich mal so richtig den Rotz aus dem Hals würgen und dann kräftig spucken (ins Lavabo oder in den Abfalleimer, draussen oder im Treppenhaus natürlich auf den Boden). Gehört auch zu den Lieblingsbeschäftigungen des Lehrstuhlleiter bevor er das Lehrerzimmer verlässt.

Jener schreibt übrigens auch die Entschuldigungen für die Studierenden seiner Abteilung. Wenn jemand ein Bobo hat, Tölbas mal 2 Tage früher nach Hause muss um beim Anpflanzen zu helfen oder wenn Janargul viel zu lernen hat, dann schreibt er(!) das Ganze auf ein Zettelchen und signiert es.

Und busy ist der Mongole! Er hat immer unglaublich viel zu tun und kommt so immer zu spät. Er tut einem manchmal fast leid. Manchmal...fast...

Vielleicht liegt es aber auch etwas an seiner Organisation. Eine solche kennt der Mongole nämlich nicht. So kommt es vor, dass ein Sporttag von 9h00 bis 22h dauert oder dass man Einladungen zu Weihnachts-, Neujahres- oder sonstigen Veranstaltungen 1-2 Tage zuvor bekommt. Welcher Mongole schmiedet denn schon am Mittwoch Pläne für Freitagabend?! Es gibt ja auch nichts zu machen hier. Abgesehen von einigen Disco-Klubs gibt es keine Ausgangskultur. Eine Einladung zehn Tage im Voraus auszuteilen wirkt eher kontraproduktiv. Es geht die Theorie um, dass man immer der letzten Aufforderung nachkommen müsse. „Suddenly I have some work to do and I can not come.“ war die Erwiderung auf meine Einladung zur „Salsadisco“ und zwar von meinem besten Tänzer, einem Lehrkollegen!
Ist der Lehrer unter der Woche busy, kann es schon mal vorkommen, dass er die Kurse auf Sonntag verschiebt. Das stört niemanden.

Zurück zum Unterricht: Sobald eine meiner Studierenden meine Frage verstanden hat, wiederholt sie sie laut im Plenum, auf Mongolisch natürlich. Oder wenn eine Studentin Mühe hat, ein Wort vorzulesen oder eine Antwort nicht weiss, dann sprechen es alle anderen vor. Das führt leider dazu, dass die schwächeren Studis nichts machen müssen und sich im Unterricht, nicht aber an den Prüfungen, auf die anderen verlassen können. Sich melden per Handheben? Wird sich nie durchsetzen. Und auch wenn ich die Antwort ausdrücklich von Bater-Redio hören will, rufen es trotzdem alle. (Meine Studis sind zwischen 18 und 24 Jahren alt.)

Auf den Schulbänken sitzen die Mongolen übrigens manchmal freiwillig auf engstem Raum zusammen. Jungs und Mädchen. Unsereins könnte sich da kaum konzentrieren. Der Grund ist aber einfach der, dass sie das Lehrmittel teilen müssen und dass hier Körperkontakt ganz anders gewertet wird. Wenn ich jeweils am Laptop ein paar Fotos oder ein Video zeige, dann stützen sich alle auf meine Schultern, um ihre Nase möglichst Nahe in meinen Laptop zu stecken. Da legen mir Studentinnen ihren Arm auf die Schulter oder halten mich um die Taille. Völlig normal! Dabei auch mal dem Lehrer die Brüste zu spüren geben... keinerlei Hintergedanken!
Auch dass sich Mädchen neben mir in der Sporthalle umziehen. (Es gibt ja keine Umkleidekabinen hier.) Zwar decken sich einige notdürftig etwas mit einem T-Shirt den Beckenbereich zu, aber im Grossen und Ganzen kennt man keine Hemmungen.

Frauen laufen auch oft mit offenen Hosen herum. Hosenschlitze sind wahrscheinlich meistens kaputt oder die Hose ist wahrscheinlich „eingegangen“, so dass der Hosenknopf nicht mehr zugeht. Das stört hier aber niemanden.

Mongolen kennen sowieso keine Privatsphäre. Studierende klicken sich durch jegliche Ordner auf meinem Laptop, lesen mein Tagebuch und meine SMS. Esswaren, die nicht versteckt sind, werden ohne zu fragen gegessen. Dafür wird auch eine Schokolade, die jemand als Preis oder als Belohnung erhalten hat, akribisch mit allen Mitstudierenden geteilt

In den Läden kauft der Mongole Kaugummis und Zigaretten einzeln. Und wenn er nur 25 statt 30 Zigaretten haben will, dann entnimmt die Verkäuferin der Packung die fünf überschüssigen Zigis.
Ist vielleicht eine Methode, sich das Rauchen abzugewöhnen. Kann aber auch dran liegen, dass sich die Leute hier nicht mehr Zigaretten leisten können.

Schön brav Schlange stehen kann der Mongole übrigens nur vor dem Spiegel. In den Einkaufsläden oder auf der Post geht der Mongole einfach an der Schlange vorbei und bringt sein Anliegen direkt vor. Meistens wird er dann zusammen mit dem gerade betreuten Kunden abgewickelt.

Womit wir zum Thema Reinreden kommen: Sprechen zwei Professoren zusammen, oder findet im Lehrerzimmer eine Sitzung statt, so ist das für den Studenten oder wen auch immer kein Grund, wenigstens auf eine Gesprächslücke zu warten. Nein! Er macht die Lehrerzimmertür auf und ruft sein Anliegen in den Raum. Die Gelehrten unterbrechen selbstverständlich ihr Gespräch und gehen darauf ein. Ist hier völlig normal. Zum Teil überlappen sich die Anliegen sogar, so dass man eigentlich gar nicht mehr weiss, wo man eigentlich war.
Die Lehrerzimmertür hat übrigens keine Türfalle. Anklopfen tut niemand. Alle paar Minuten streckt jemand seinen Kopf hinein und fragt nach diesem oder jener. Oder man schaut einfach hinein, weil man gwunderig ist.
Ähnlich läuft es beim Einkaufen. Auch wenn die Kassiererin gerade mein Geld einzieht, hindert das den Mongolen nicht daran, gleichzeitig von ihr 2 Zigaretten oder Guthaben für sein Handy zu verlangen.
Zum Teil steht der Mongolen in der Schlange aber auch nicht an, er hat sich einfach einen guten Platz ausgesucht um besser zuschauen zu können.

Wie beim Geldautomaten: Die fehlende Intimsphäre macht sich auch beim Geldabheben bemerkbar. Es ist hier völlig logisch, dass man nicht hintereinander, sondern übereinander ansteht. Geheimzahl? Je mehr Leute sie kennen, um so sicherer ist doch das Ganze. Eine Schlange am Geldautomaten oder an einem Bankschalter kann übrigens gut und gerne aus 40 Leute bestehen.

Schlange stehen die Mongolen bei Stromausfall auch an der Tankstelle. Zwar gibt es 500m weiter zwei weitere Tankstellen, die sogar ohne Strom Benzin ausgeben können, aber aus unerklärlichen Gründen steht der Mongole lieber einige Stunden an und verschiebt seine Ausfahrt auf später.

Telefonnummern können die Mongolen übrigens auswendig. Alle und jede! Hab ich eine unbekannte Nummer auf meinem Handy, so erkennen sie sofort, ob sie die Nummer kennen und wenn ja, wem sie gehört. Wahnsinn! Und praktisch! Wenn man mal mit dem Handy des Lehrers telefonieren muss (Akku leer und Stromausfall).
Apropos Handy: Wenn ein Studierender telefonieren muss, dann verlässt er das Seminar halt kurz. So auch die Professoren. Man ist halt hier wahnsinnig busy und wichtig. Deshalb kommen Professoren schon mal 30 Minuten zu spät zum Unterricht. Für die Studis völlig normal und wird ohne Widerrede akzeptiert. Der Lehrer hat ja schliesslich immer Recht. Jemand, der Zeit hat pünktlich zu sein, ist nichts wert.

Nicht ganz so zahlen-virtuos gibt sich der Mongole beim Rechnen. Nehmen wir an, mein Einkauf kostet 2500 Tugruk und ich bezahle mit einer 5000er Note: Hier, aber auch in einfacheren Fällen bedient sich der Mongole des Taschenrechners. Und das liegt nicht daran, dass er denkt, ich würde die Zahlen nicht kennen! Auch wenn Mongolen 1kg Fleisch kaufen, wird der 100 Gramm-Preis mit dem TR hochgerechnet. Sie staunen dann jeweils, wenn ich ihnen das ganze auf Mongolisch vorrechne, noch bevor sie ihren TR zur Hand haben.

Jetzt aber nochmals zur Tür: Das mongolische Anklopfen an der Wohnungstür kann lautmalerisch nicht mit „DOCK! - DOCK!“ wiedergegeben werden. Vielmehr trifft es „dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!....“ und zwar möglichst leise und so lange, bis die Tür geöffnet wird. Ich nehme an, dass das ein rudimentäres Verhalten ist, aus der Zeit, als man noch an Jurtentüren klopfte. Bei dieser kleinen Behausung reichte ein leises Klopfen, zudem war schnell jemand da, um die Tür zu öffnen. Heute „pöpperlet“ der Mongole weiterhin an den Türen. Wenn niemand öffnet, minutenlang.

In einer modernen Duplex-Wohnung in UB geht es übrigens nicht anders zu und her als in einer Jurte auf dem Land. Zwar gibt es haufenweise Luxus, der irgendwie überhaupt nicht zur Mongolei passen will, aber wie in der Jurte, ist es ein ständiges Kommen und Gehen von Bekannten und Unbekannten (es wird einem niemand vorgestellt). Und wie es zur mongolischen Gastfreundschaft gehört, wird jeder Gast auch bekocht. Essen tut man aber nicht gemeinsam am grossen, modernen Tisch, sondern auf dem Sofa (vor dem Flachbildschirm) oder halt irgendwo auf einem Hocker. Es ist heiss und nachts muss man gut aufpassen, dass man nicht über Gäste und Familienangehörige stolpert, die auf Sofa und Boden schlafen. Wo die plötzlich alle herkommen?

Und wenn wir schon in UB sind: Es handelt sich hierbei wohl um die verrückteste Hauptstadt der Welt. Arm und reich, Tradition und Moderne klatschen hier aufeinander. Während draussen einer (seinen Rausch) auf dem Gehsteig, einen halben Metern neben der (dauerverstopften) Strasse ausschläft, lässt sich der andere Mongole im Kaffee von der Kellnerin sein Würstchen schneiden, Senf und Mayo auftragen und die Brötchen streichen. Ich hätte den Kerl erwürgen können...

Genau diese Leute sind es auch, die sich am meisten über den Verkehr, also über die vom Land in die Stadt umgezogenen Nomaden, die jetzt mit ihren Gelegenheitstaxis die Strassen verstopfen, aufregen. Sie selber fahren aber die grössten Benzinschleudern (Offroader) und würden sich um keinen Preis in einen öffentlichen Bus zum Fussvolk setzen oder gar ein paar Schritte zu Fuss machen. Lieber stehen sie täglich stundenlang im Stau.
Die wohlbehüteten Kinder dieser Leute sind es dann, die mit dem Taxi zur Uni fahren, die am Abend nicht ausgehen (dürfen) und die über ihre Heimatstadt nicht das Geringste wissen.

Dafür hab ich in den Discotheken in UB endlich mal die Songs zu Ende hören können. Bei uns in Khovd wird ja kein Lied ausgespielt. Dafür tanzt der Mongole in Khovd auch mal mit dem Akkuladegerät in den Händen. Und jeder darf am Mischpult die Lautstärke hochdrehen.

Eine Salsadisco in UB unterscheidet sich nicht gross von einer normalen Disco. Naja, es weiss halt niemand, wie man Salsa tanzt. Aber alle möchten es gerne lernen... Ich wurde wohl noch nie derart angehimmelt, von Männern! :)

Wobei ich auch die strahlenden Augen meiner Salsaschülerin und Lehrkollegin Gima nie vergessen werde. Es hat sich so ergeben, dass ich nach jedem Tanzkurs mit den Frauen einen Song (oder auch zwei) tanze. Die Mischung von Freude und Nervosität in Gimas Gesicht, wenn sie jeweils an der Reihe ist und sich von der Bank erhebt, berührt mich jedes Mal aufs Neue.

Der Mongole verbringt viel Zeit des Tages mit dem Putzen seiner Schuhe. Sauberes Schuhwerk ist wichtiger als ein geschlossener Hosenladen. Vor jedem öffentlichen Gebäude hat es „Staubwedel“, um vor dem Eintreten die Schuhe vom Staub zu befreien.

Zum Thema Wettbewerb: Was bei uns Pisa-Studie heisst, wird hier Olympiade genannt. Aus dem ganzen Aimag (Kanton) treten SchülerInnen und Lehrpersonen(!) gegeneinander an. Und wehe, die renommiertere Schule unterliegt einer anderen! Das kann auch gerne mal zu Handgreiflichkeiten oder mindestens zu Gehässigkeiten zwischen den Lehrpersonen führen. Ähnlich bei den SchülerInnen: Wer nicht 1., 2. oder 3. wird, bekommt von der Lehrperson erst mal ein Rüffel und gilt als schlechter Schüler.

Nach diesem Schema reagierten auch meine „Spice Girls“, nachdem sie bei einem Tanzwettbewerb nur vierte wurden. „We are so sorry teacher!“ „We are sorry, we are very bad!“, als hätten sie mich soeben ins Elend gestürzt. Hier zählt halt nur der beste, leider.

„Sorry teacher!“ sind ungefähr die einzigen Englischworte, die auch meine Sportstudenten beherrschen. Trotz Englischunterricht an der Uni! Ich höre sie von ihnen immer dann, wenn sie Blödsinn gemacht, mir nicht gehorcht haben oder wenn sie zu spät kommen. Für sie ist es damit erledigt und ein „Sorry teacher“ gilt quasi als „carte blanche“. Sie sehen keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern. Und wenn einer einmal etwas tiefere Schuldgefühle hat, hilft er mir auch mal beim Packen meiner Sachen oder er trägt mir meine Tasche ins Lehrerzimmer. Auch das entschuldigt natürlich für alles.

Die Tanz-und Singwettbewerbe können übrigens gut und gerne 4 Stunden dauern. Ohne Pause! Wer auf Toilette geht, ist selber schuld. Weil die Toilette dreckig ist, nicht abgeschlossen werden kann (Ich habe in ganz Khovd noch keine Toilette gesehen, die man abschliessen kann. Für uns Männer ist das ja nicht so schlimm, aber Frauen müssen immer eine Kollegin als Aufpasserin mitnehmen.) und weil der Sitzplatz danach nämlich mit Sicherheit besetzt ist. Kaum jemand sitzt am Ende der Veranstaltung noch auf dem gleichen Platz wie zu Beginn (abgesehen von denen, die eingenickt sind). Wobei ich ehrlich zugeben muss, dass ich noch nie bis zum bitteren Ende aushielt.
Ein Konzert (jeglicher Art) in Khovd muss man sich folgendermassen vorstellen: Es hört niemand wirklich zu. (Den mangelnden Respekt gegenüber Musikern habe ich ja schon früher erwähnt.) Geklatscht wird nicht nach dem Lied, sondern irgendeinmal mitten im Lied geht eine Welle der Begeisterung durch die Ränge (wenn das Publikum noch nicht zu müde ist). Wenn das Lied fertig ist, hat das auf den Lärmpegel unter den Zuschauern keinen signifikanten Einfluss. Und wenn die Band ihren letzten Song ankündigt, dann machen sich die Zuschauer auf den Heimweg. Noch bevor die Band fertig ist, ist der Konzertsaal leer.

Steht man bei einer solchen Veranstaltung (aber auch in jeder anderen Situation) jemandem auf den Fuss oder berührt man sich unabsichtlich mit den Beinen, dann entschuldigt man sich mit einem kurzen Händedruck. Eine wahnsinnig schöne Geste.

Jedoch sind die Mongolen nicht immer so nett miteinander. Heimkehrende Schüler vertreiben sich die Zeit gerne, indem sie sich gegenseitig verhauen (aus Spass). Und falls einmal ein Sportstudent dem Lussii aus Versehen die Lippen aufschlägt, weil er bei der Akro-Figur unglücklich reagiert hat, dann wird ihm von anderen Klassenkollegen schon mal der Hintern versohlt.

Der Mongole an sich ist aber sehr mutig. Ich bewundere meine Sportstudenten, die sich um einiges mutiger zeigen als die SchülerInnen in der Schweiz. Das Unterrichtssystem hier hat aber leider zur Folge, dass die Studierenden völlig unfähig sind, selbständig etwas zu erarbeiten. Wenn ich ihnen einige Minuten Übungszeit gebe, dann wollen es immer alle gleich vorzeigen „Bagsh! Bagsh! Be! Be!“ (Lehrer! Ich!) Auch wenn es noch niemand beherrscht. Und sie haben auch nicht vor, es zu üben, dafür fehlt den meisten Mongolen der Ehrgeiz. Was nicht von Anfang an geht, ist ihnen zu schwer. Da spielen sie lieber Basketball, sprich sie werfen irgendetwas auf den Korb: Fresbee, Handball, Bändeli, Hütchen, Jonglierball, Springseil,... Aber eben, wirklich Basketball spielen können sie nicht. Es wirft einfach jeder, der den Ball in die Finger bekommt.
„Bagsh“ sagen sich hier übrigens auch die Lehrer untereinander. Und die Studis rufen auch immer nur „Bagsh“. Oder bei mir eben Lussii.

Leider gibt es in der Mongolischen Sprache kein „Bitte“. Zu gerne möchte ich jeweils etwas Höflichkeit an den Tag legen, aber dieses „bitte“ existiert nicht. Danke sagt man auch kaum. Und ich bin auch der einzige, der sich von den anderen verabschiedet, wenn er das Lehrerzimmer verlässt. Auch mit dem Tür aufhalten haben es die Mongolen nicht. „Hauptsache, ich komme raus.“ Da muss man schon mal aufpassen, dass man nicht überholt oder zerquetscht wird, wenn man einem Entgegenkommenden den Vortritt lassen will.

Lehrer in der Schweiz haben auch schon das dürftige Grundwissen der Mongolischen Austausschülerinnen in der Schweiz angesprochen. Ja, der Mongole weiss nicht viel. Norden auf einer Landkarte? Postleitzahl seiner Heimatstadt? Öffnungszeiten des lokalen Marktes? Warum der Strom ständig ausfällt? Wer ist Osama bin Laden? Wo liegt wohl Brasilien? Frauentag? - Egal, Hauptsache frei... Wenn sie ihre Emailadresse angeben (sofern sie denn eine haben) lautet die : xxy. Dass das @yahoo.com ist, liegt für sie auf der Hand. Und bei der Aufklärung mangelt es leider auch. Die Uni führt etwas Aufklärung durch, aber das ist leider für einige schon zu spät.

Es kann auch mal vorkommen, dass es ein Betrunkener (Vater?) am Sicherheitswachmann vorbei bis in unser Lehrerzimmer im 2.Stock schafft (wobei die Treppe ihm mehr Mühe bereiten dürfte als der Wachmann) und dann auf einen Stuhl sitzend dem Lehrstuhlleiter die Ohren vollabert. Jener ignoriert ihn und versucht weiter zu arbeiten. Den Gast hinauszuwerfen wäre unhöflich. Das Gleiche gilt leider auch in Discos.

Und das Beste zum Schluss:
Es ist bekannt, dass der Kasache (eigentlich ein Mongole, aber halt Kasache,...ein Blogthema für sich) sehr viel Pferdefleisch ist. Wozu das gut sein soll, dass könnt ihr euch ja denken: Der hohe Konsum von Pferdefleisch führt beim Mann zu einem starken Penis. Und wozu das gut ist, das, nein, das erratet ihr nie!

Der Kasache glaubt nämlich, dass ein starker Penis vor AIDS schützt! :)

So, das war viel, aber hoffentlich informativ und unterhaltsam.
Mir bleiben hier noch 3 Wochen Unterricht und dann die Prüfungen (HILFE!).
Solltet ihr mal sehen wollen, wie eine Sportlektion hier abläuft, dann dürft ihr gerne einen Blick in meine Prüfungslektion (für SG) werfen. Die Videos sind online, unter:


Die Studis sind aber aussergewöhnlich brav (obwohl sie nicht wussten, warum/dass sie gefilmt wurden) und die Lektion ist fast langweilig. Allerdings sorgt die Putzfrau, die während dem Sitzball den Boden wischt, für etwas Action ! Hat sie übrigens auch heute wieder gemacht. Unser Spiel stört sie nicht :) VIVE LA MONGOLIE! Ich werde es vermissen, wenn auch nicht alles.

Tout de bon und danke für eure Aufmerksamkeit

Lussii

Fotolink:

(Neu sind „Hausberg mit Nadya“, „Hausberg mit Alex“ und Tölbasfamilie Buyant“)

Donnerstag, 17. Februar 2011

Wenn Fotos sprechen können

Tsagaan Sar war ein wunderschönes Erlebnis, das ich mit meinem Sportlehrerkollegen und dessen süsser Familie erleben durfte. Aber das sieht man wohl auf den Fotos. Kommentare sind den Fotos angefügt und ein "kurzer" Text folg später. Im Moment brauche ich alle meine Nerven für die Uni...
Hier der Link:
https://picasaweb.google.com/115788699100634517128/TsagaanSar?feat=directlink

Dienstag, 1. Februar 2011

Bairin mint!


Bairin mint! Bairin mint! Bairin mint! Dabei jedem Lehrer ehrfürchtig die Hand entgegenstrecken und immer wieder Bairin mint, Bairin mint....Was so viel heisst wie „Frohes Fest“. Es war Lehrertag! Und ob ihr es glaubt oder nicht, diese Lehrertagsfeste zählen hier zu der ganz harten Sorte. Und ja, abgesehen vom Rektor (Chapeau!) gab es nach Mitternacht keinen einzigen Uni-Professoren mehr, der noch einigermassen geradeaus gehen konnte oder auf der Tanzfläche keine jüngeren Lehrerinnen angrabschte. Auch die Ehrengäste - der Parlamentsabgeordnete und der Bürgermeister - sind fast vom Stuhl gefallen. Wobei sie kurz zuvor noch klingende Reden hielten und sich von ihrer besten Seite zu zeigen wussten. Aber der Reihe nach:
Das Lehrerfest findet hier während der Ferien statt, aber es waren dennoch fast alle Uni-Professoren und Assistentinnen anwesend. Wer kann sich hier auch Ferien leisten? Wenn man weg geht, dann aufs Land oder nach UB. Aber das können sich hier nur wenige leisten. Gerüchten zufolge bekommen Unterrichtende ihren Lohn während der Winterferien nur, wenn sie jeden Morgen an der Uni sind und den Unterricht vorbereiten. Und während der Sommerferien gibt es gar keinen Lohn. Dann verdienen sich die Lehrer und Professoren (natürlich auch die weiblichen Intellektuellen) ihren Lebensunterhalt als MarktverkäuferInnen oder als Taxifahrer. Und den 13. Monatslohn gabs übrigens auch nicht...:)
Aber zurück zum Lehrerfest, das um 17h hätte beginnen sollen. Ich jedoch, schon ganz Mongole, hielt mich nicht einmal an die „mongolische“ Empfehlung (18h), sondern erschien um 18h45. Und keine Minute zu spät.
Es sassen immer zwei Fakultäten am gleichen Tisch. Das Essen wurde von der Uni bezahlt, hingegen hatte jeder Tisch etwas Geld gesammelt, um denselben zu dekorieren und Bier, Saft und sogar eine Flasche Wein zu kaufen. Unser Tisch war bedeckt mit einzel verpackten Biskuits jeder Art, Essiggurken, Wurst, Trauben, Mandarinen und Äpfeln. Typisch mongolisch, abgesehen davon, dass das fettige Fleisch fehlte. Wodka war natürlich auch reichlich vorhanden.
Der Musikehrer (Wobei ich inzwischen bezweifle, dass er wirklich Musik unterrichtet, ich glaube, dass er einfach der Alleinunterhalter für alle und alles ist.) spielte auf seinem Elektropiano Tanzmusik und die Leute tanzten. Ein Künstler aus dem Theater wurde engagiert und gab mongolische Traditionen zum Besten. Natürlich hörte ihm niemand zu, genau so wie den Reden des Rektors, Bürgermeisters, Alt-Rektors, Parlamentsabgeordneten,... Man hört einander einfach nicht zu, stört auch niemanden. Zu gerne hätte ich ein Akkordeon-Solo zum Besten gegeben, wo ich doch täglich 3-5 Stunden spiele, aber nicht so.
Jedoch habe ich vorgetanzt! Mit meinen Tanzschülerinnen Amra und Gima. Sie sind begeisterte Salseras und besuchen alle meine Tanzkurse. Die beiden bereiten mir viel Freude! Und tatsächlich bekamen wir einige anerkennende Reaktionen auf unsere improvisierte Salsa-Show. Sieht fast so aus, als bekäme unser Tanzkurs nach den Ferien Zuwachs, sieht aber wohl eben nur so aus... Wir mussten allerdings kämpfen, bis sie endlich 2 Minuten Salsa spielten.
Lang Zeit wurden auch Diplome, Auszeichnungen und Preise (Geld) ausgehändigt. Einige Preise waren für die guten Platzierungen am Sportturnier, das hier jedes Jahr zwischen den Schulen durchgeführt wird, andere Preise (Auszeichnung und Geld) waren für die guten Lehrer! Was genau die Kriterien sind, die hier in der Bewertung berücksichtigt wurden, konnte mir leider niemand sagen, auch die Ausgezeichneten nicht. So sassen also alle LehrerInnen auf ihren Stühlen und hofften wohl, auch dieses Jahr wieder allen Studierenden genügen Punkte ausgeteilt zu haben. Für mich der Moment, auf Toilette zu gehen :), denn goldene Himbeeren wurden keine vergeben. Und so also noch drei Worte zum stillen Örtchen, das so still gar nicht war: Zwei Stehtoiletten, natürlich kein Toilettenpapier und die Türen können auch nicht geschlossen werden. Deshalb gehen die Frauen ja immer zu zweit, damit die einte Wache schieben kann. Das Fest fand übrigens in einer Discothek statt und für uns Professoren wurde extra der Wasserhahn in Betrieb genommen, damit wir uns wenigstens die Finger waschen konnten. Dass dieser, wie auch die WC-Spülung dauernd am Laufen ist, ist hier halt so üblich.
Die Schulleitungsdelegation begab sich zum Anstossen mit den Lehrkörpern von Tisch zu Tisch. Dabei wurden Nettigkeiten ausgetauscht, mit Wodka angestossen und natürlich offerierte jede Fakultät dem Parlamentarier ein Gläschen des „eigenen“ Wodkas und die Köstlichkeiten ihres Tisches. Und obwohl die Delegierten oft nur an ihren Gläsern nippten und sie beim Weitergehen stehen liessen, waren sie, wie schon erwähnt, nach Mitternacht sturzbetrunken. Schlimmer jedoch waren die jüngeren Uni-Lehrer, die Geschirr zerschlugen, vom Stuhl fielen, hinausbegleitet wurden und sofort wieder auftauchten. Immer wieder traurig, wozu der Alkohol hier führt. Während einige nicht betrunkene Frauen versuchten, ihre Lehrerkollegen zu beruhigen oder sie nach draussen zu schaffen, bezirzten die anderen jungen Frauen den Parlamentarier. Ich wurde sogar gebeten, unauffällig Fotos zu schiessen, auf denen frau mit dem betrunkenen Regierungsmitglied zu sehen ist. Aber mir wurde auch gesagt, dass ich jetzt nicht mehr fotografieren solle, die Leute seien betrunken und wollten nicht abgelichtet werden. Tja, ob man sich das nicht vorher überlegen sollte? Der Abend war um 1 Uhr relativ spät zu Ende. Wie ich gehört habe ging es an Lehrerabenden der Sekundarstufen 2 noch gröber zu und her. Laut Kollegin begannen da die Frauen ihre Röcke zu heben und die Männer versuchten mit Mühe und Not ihre Erektionen zu verbergen. Bairin mint!

Und hier noch eine kleine mongolische Anekdote:
Bis Ende 2010 galt der Donnerstag hier in Khovd als alkoholfreier Tag, d.h. man durfte keinen Alkohol verkaufen. Aus unerklärlichen Gründen wurde dieses Verbot im neue Jahr auf den Freitag verschoben. Wer aber denkt, sich ab jetzt die Freitagabende gemütlich in den Discotheken um die Ohren zu schlagen und dabei nicht von betrunkenen, verwahrlosten und bemitleidenswerten Mongolen belästigt und betrübt zu werden, irrt sich. Die Discotheken haben jetzt nämlich Freitags geschlossen. Logisch, da man ja keinen Eintritt bezahlen muss, rentiert sich der Freitag nicht mehr. Schade! Und gut, denn ich hoffe, dass dank des neuen Gesetzes wenigstens unter den Studenten weniger gebechert wird.
So, das war mein letzter Beitrag im alten mongolischen Jahr. Am 3. Februar ist Tsagaan Sar, das mongolische Neujahresfest. Seit Wochen sind hier alle schon in den Vorbereitungen. Es wird gekocht was die Pfannen hergeben und auf dem Markt geht es zu wie bei uns zur Vorweihnachtszeit. Noch immer ist es kalt, aber die Ferien gehen langsam zu Ende. Ob ich etwas vorbereiten sollte? Oder ob es eh anders kommt als ich denke? Ich lass es euch gerne wissen!

Bis dahin liest doch mal noch das Interview mit dem mongolischen Präsidenten und den Artikel aus der NZZ. Den Link dazu findet ihr auf meinem Blog. Mir gefällt die Stelle, wo Elbegdorj im Interview von „gebildeten, gesunden und verantwortungsbewussten Mongolen“ spricht...
Oder schaut euch die Fotos vom Lehrerabend an:
http://picasaweb.google.com/115788699100634517128/BairinMint?feat=directlink

Alles Gute und meinen Lehrerkollegen in der Schweiz: Bairin mint!

Montag, 17. Januar 2011

Über mongolische Semesterprüfungen an einer mongolischen Universität




Liebe Leserinnen und Leser, lange hab ich mich mir mit dem Eintrag zu diesem Thema Zeit gelassen. Facebook-User haben wohl aber schon bemerkt, dass es sich hier um ein sehr intensives und heikles Thema handelt. Semesterprüfungen...Viele von euch haben auch studiert, aber vielleicht ist es das Beste, wenn ihr zuerst einmal alles vergesst, was ihr über Semesterprüfungen und Universität wisst. So wäre mir mit Sicherheit auch vieles leichter gefallen.

Aber beginnen wir am Anfang, nämlich beim Semesterende. Jenes war am Dienstag, dem 21. Dezember. Das hiess, dass wir am Tag darauf um 8h noch eine Woche nach dem neuen Stundenplan zu unterrichten hatten. So weit nicht logisch, aber gut. Dumm nur, dass ich, sei es, weil ich Ausländer bin, sei es, weil ich hier schlecht, bzw. gar nicht betreut werde, vom Semesterende erst am Montagmittag erfahren habe. So konnte ich mich an der letzten Fussballlektion gar nicht erfreuen, aber das wäre ja nicht so schlimm gewesen. Das Beste war: Die neuen Stundenpläne waren erst am Dienstagabend um 17h fertig. Bis dahin wusste ich (und auch alle anderen Lehrer, jedoch kümmerte die das in keinster Weise) also noch nicht welche Klassen, welche Sportarten und zu welchen Zeiten ich ab dem folgenden Tag zu unterrichten hatte. Bei der Stundenplan-Premiere mussten die zu dieser Zeit noch anwesenden Studenten und ich dann mit dem Handydisplay als Lichtquelle (die Beleuchtung im Flur ist schon lange hin) unsere neuen Stunden zusammensuchen. So ein Stundenplan ist übrigens mit Bleistift verfasst, das macht spontane Abänderungen viel einfacher. Nur logisch, dass ich am Mittwochmorgen um 8h nur 50% meiner Klasse antraf. Die anderen hatten vom neuen Stundenplan nichts mitgekriegt.

Eine Woche später war das Semester dann vorbei und es ging mit den Semesterprüfungen los. Jene müssen übrigens noch am selben Tag korrigiert werden. Um es meinen Studierenden (und mir) etwas einfacher zu machen, teilte ich als Semesterprüfung noch einmal die genau gleiche Prüfung aus, die sie schon 4 bis 14 Tage zuvor als Zwischenprüfung geschrieben hatten und deren Verbesserung wir zusammen in der Klasse besprochen hatten. (Die Übungen waren übrigens identisch mit denen aus dem Arbeitsbuch.) Denkste! Trotz mehrmaligen Hinweisen und mehr als einem Wink mit dem Zaunpfahl haben von meinen 46 Studierenden nur gerade 12 die Prüfungen bestanden!
An dieser Stelle einige Informationen über das ausgeklügelte Bewertungssystem: Die Studis sammeln während des Semesters Punkte, einerseits mit Hausaufgaben und Zwischenprüfungen (A-Punkte, max.30) andererseits mit Vokabeltesten und Präsenz (B-Punkte, max.30). An der Semesterprüfung werden dann die restlichen 40 Punkte vergeben. Um durchzukommen braucht man mindestens 60 Punkte, also 60%. Nun haben aber die Mongolen das Gefühl, dass alles unter 90 Punkten schlecht sei. (Weniger als 60 Punkte verteilt ein Lehrer schon gar nicht, ich ausgenommen). So kommt es, dass Studenten mit weniger als 90 Punkten wütend sind. Sie versuchen beim Lehrer mehr oder weniger! Punkte zu bekommen. Letzteres, um die Prüfung wiederholen zu können. „Lehrer sehr dumm.“ habe ich mir anhören müssen, weil ich auf die Punkteforderungen nicht eingegangen bin.
Im Sport hatte ich Studenten, die mit einer Zwischensumme von 6, 7 oder 8 Punkten an die Aerobicprüfung kamen. Sie waren während des Semesters kaum anwesend, hatten nicht mitgemacht, mindestens eine Zwischenprüfung verpasst und an der anderen himmellausig abgeschnitten. Dennoch rechneten sie sich mit einem unterwürfigen Handshake vor der Prüfung und einem netten „Sajn bajn uu bagsha“ grosse Chancen auf ein Weiterkommen aus. 'Tschuldigung, aber ich fand es amüsant, als sie es nicht verstehen konnten, dass sie mit 15 Punkten durch- (und aus allen Wolken) gefallen waren. Die denken doch tatsächlich, ODER HALT, ich muss es so sagen, bei anderen Lehrern scheint es doch tatsächlich möglich zu sein, im Unterricht nicht mitzumachen (oder nicht zu kommen), keine Ahnung vom der Materie zu haben, an der Prüfung nicht einmal zu wissen, was zu leisten ist und dennoch locker das Jahr zu bestehen. Tja, nicht bei mir... Aber eben, wer die Prüfung nicht besteht, kann mit Zusatzarbeiten weitere Punkte sammeln und die Prüfung wiederholen. Bis sie bestanden ist. Ich bin gespannt, ob Studis wenigsten das nächste Mal ansatzweise vorbereitet zur Prüfung erscheinen. Und wie oft ich dieses Theater noch mitmache :)
Die Aufgabenstellung im Aerobic war übrigens sonnenklar: Jeder Studi musste alleine der Klasse 4 Schritte unterrichten (4 mal 32 Schläge). Aber nicht einmal die guten Schüler hatten etwas vorbereitet. Und andere standen vor der Klasse, grölten und mussten zurückschauen, weil sie nicht wussten, welche Schritte sie noch machen könnten. Und können dann nicht verstehen, dass sie durchgefallen sind...
Tja, das stille Abkommen zwischen Unterrichtenden und Studierenden: „ SCHÜLER BEKLAGEN SICH NICHT, DASS DIE UNTERRICHTSPERSON NICHT VORBEREITET IST, BZW ÜBER DIE HÄLFTE DER UNTERRICHTSZEIT NICHT ANWESEND IST, DAFÜR BEKOMMEN SIE PROBLEMLOS DIE 90 PUNKTE“, dieses Abkommen wird von mir schlicht und einfach ignoriert.

Interessant ist auch, dass die SuS nicht verstehen können, dass ich alle gleich behandle. Da meinen tatsächlich welche, ich würde ihnen, weil sie schön schauen können, mir ihre Hand auf die Schulter legen, mir meine Tasche tragen oder sich im Lehrerzimmer mit mir alleine aufhalten wollen mehr (oder weniger) Punkte geben. Und das funktioniert laut einer Deutschstudentin auch so. Aber eben, wie an der Neujahresparty gesehen, ist das hier eine grosse Familie. Kommt noch hinzu, dass, wie schon einmal erwähnt, der Lehrer für das schlechte Abschneiden seiner Studenten verantwortlich gemacht wird. Ein jeder Klassenlehrer schaut also, dass von seinen Studenten keiner durchfällt. Hoffentlich bekomme ich hier kein Arbeitszeugnis...:)

Bei der Leichtathletikprüfung wollte doch Tuvsche, der mongolische Sportlehrer mit dem ich zusammen unterrichtete (Ihr könnt ihn auf den Fotos im Ordner „Uni Khovd“ am Deel erkennen.), dass ich Armagul, seiner Lieblingsstudentin, die 65 Punkte aufrunde. Er verfolgte mich sogar bis ins Lehrerzimmer. Ich hab ihm dann auf dem Video klar gezeigt, warum Armaguul „nur“ 65 Punkte hat. Aber dass er sich vor der gesamten Klasse für nur eine Schülerin stark gemacht hat ist schon heftig!
An die Leichtathletikprüfung kam auch Hotbeck. Er hat von meinen 10 Kursen genau 3 besucht. Anscheinend war er krank. Ja und? Soll ich jetzt diesem armen Hotbeck alle Mitmach- und Präsenzpunkte schenken? Und wohl auch jene für die Zwischenprüfung? Das hätte tatsächlich niemanden gestört. Aber dass er keine Ahnung von Fospury Flop und Co. hat, und wie man diese Techniken vermittelt, das ist zweitrangig.

Eben, wie eingangs gesagt, einfach mal alles vergessen, was wir über Universität, bzw. unser Schulsystem wissen. Und munter Punkte verteilen.
An der Deutschprüfung hatte ich Studierende im 3. und 4. Jahr, die während 5 Minuten nur gerade 5 unzusammenhängende Wörter über die Lippen brachten. Aber sie wollen alle „gute (!) Dolmetscher“ werden...

Noch 2 Worte zu den Lehrern hier. Uugenchimeg, eine Mongolin, die dieses Jahr in der Schweiz ist und über Weihnachten nach Khovd zurückgekommen ist, weil es ihrer Mutter nicht so gut geht, hat mir gesagt, dass sie in der Schweiz gemerkt hat, wozu ein Lehrer eigentlich da ist und was sein Aufgabenbereich ist :)
Und kürzlich bin ich mir mit einem mongolischen Lehrerkolleg in die Haare geraten. Er blockiert ständig das Internet und zwar um Disney- und Pornofilme herunterzuladen. Letzteres natürlich versteckt, aber ich hab ihn erwischt. Hab ihm dann gesagt, dass die Uni wohl nicht der richtige Platz ist, um Pornos herunterzuladen.

Nun aber genug zur „Universität“. Die Prüfungen sind ja jetzt vorbei und ich geniesse den unterdurchschnittlich kalten Januar. Wir haben im Schnitt so -25 Grad. Allerdings wird irgendwo in der Steppe gemessen. Mein Thermometer fällt nie so tief. Aber Fussball spielen bei -12 fährt recht ein. Und vom Sonnenuntergangsspaziergang gestern Abend (Fotos auf http://picasaweb.google.com/115788699100634517128/Sonnenunterganspaziergang161?feat=directlink) kam ich doch etwas unterkühlt zurück. Am letzten Donnerstag ist mir sogar die Nasenspitze eingefroren. Hoffentlich kommt das wieder in Ordnung. Meinen Grosseltern danke ich an dieser Stelle für die (warme) Ovomaltine und den Salami - JAMIIIII. Ihr seid die Grössten!
Hier gibt es leider inzwischen nur noch Karotten, irgendeine Rübenart und Kohl zu kaufen. Die beiden Letzten mag ich leider nicht, also fallen meine Mahlzeiten bezüglich Gemüse recht langweilig aus. Nichtsdestotrotz gab es heute „Pizza“. Aber ich muss sagen, am meisten fehlt mir schon das Gemüserayon in der Migros und noch etwas mehr meine schöne, verhältnismässig warme ehemalige Wohnung in Fribourg.
Ferien in meiner kalten Wohnung machen schon nicht so viel Spass. Zudem hatten wir 5 Tage kein warmes Wasser mehr. So sitze ich meistens in der Küche, schreibe, lese, koche, spiele Akkordeon, und kuschele mit der Katze. Langweilig wird mir aber keines Falls, es gäbe noch so viel zu tun. Leider geht man bei dieser Kälte aber nicht gerne nach draussen. Am Samstag wollten sich Sam und ich mongolische Stiefel kaufen. Es war uns dann aber definitiv viel zu kalt, auf dem Markt unsere Schuhe auszuziehen. Der 5-Minuten-Weg zum „Tanzlokal“ ist jeweils gerade noch erträglich. Tanzen macht aber noch immer Spass. Die College-Girls haben mich jetzt sogar als Coach für den Tanzwettbewerb engagiert :)

So, das war der Blog zu den Semesterprüfungen. Ich hoffe, dass es für euch unterhaltsam war. Für mich war es sehr anstrengend. Darüber zu schreiben hilft mir bei der Verarbeitung und es tut mir leid, falls bei euch das Gefühl aufkommen sollte, ich würde mit den Mongolen hart ins Gericht gehen. Es ist auch nicht so, dass ich sie nicht mag. Ausserhalb der Uni sind sie die grössten Schätze. (Deshalb hoffe ich, in Zukunft, mehr ausserschulische Kontakte knüpfen zu können.) Aber auch innerhalb habe ich meine Lieblinge. Was bei mir aber kein Freipass bedeutet. Auch wenn das hier völlig normal wäre.

Bis bald!
Und verpasst bitte auch nicht die neuen Fotos vom Fleischmarkt: http://picasaweb.google.com/115788699100634517128/Markt?feat=directlink
Und endlich online: das Video von unserem Discobesuch:

Alles äusserst sehenswert!

biz