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Pferde auf Futtersuche

Montag, 17. Januar 2011

Über mongolische Semesterprüfungen an einer mongolischen Universität




Liebe Leserinnen und Leser, lange hab ich mich mir mit dem Eintrag zu diesem Thema Zeit gelassen. Facebook-User haben wohl aber schon bemerkt, dass es sich hier um ein sehr intensives und heikles Thema handelt. Semesterprüfungen...Viele von euch haben auch studiert, aber vielleicht ist es das Beste, wenn ihr zuerst einmal alles vergesst, was ihr über Semesterprüfungen und Universität wisst. So wäre mir mit Sicherheit auch vieles leichter gefallen.

Aber beginnen wir am Anfang, nämlich beim Semesterende. Jenes war am Dienstag, dem 21. Dezember. Das hiess, dass wir am Tag darauf um 8h noch eine Woche nach dem neuen Stundenplan zu unterrichten hatten. So weit nicht logisch, aber gut. Dumm nur, dass ich, sei es, weil ich Ausländer bin, sei es, weil ich hier schlecht, bzw. gar nicht betreut werde, vom Semesterende erst am Montagmittag erfahren habe. So konnte ich mich an der letzten Fussballlektion gar nicht erfreuen, aber das wäre ja nicht so schlimm gewesen. Das Beste war: Die neuen Stundenpläne waren erst am Dienstagabend um 17h fertig. Bis dahin wusste ich (und auch alle anderen Lehrer, jedoch kümmerte die das in keinster Weise) also noch nicht welche Klassen, welche Sportarten und zu welchen Zeiten ich ab dem folgenden Tag zu unterrichten hatte. Bei der Stundenplan-Premiere mussten die zu dieser Zeit noch anwesenden Studenten und ich dann mit dem Handydisplay als Lichtquelle (die Beleuchtung im Flur ist schon lange hin) unsere neuen Stunden zusammensuchen. So ein Stundenplan ist übrigens mit Bleistift verfasst, das macht spontane Abänderungen viel einfacher. Nur logisch, dass ich am Mittwochmorgen um 8h nur 50% meiner Klasse antraf. Die anderen hatten vom neuen Stundenplan nichts mitgekriegt.

Eine Woche später war das Semester dann vorbei und es ging mit den Semesterprüfungen los. Jene müssen übrigens noch am selben Tag korrigiert werden. Um es meinen Studierenden (und mir) etwas einfacher zu machen, teilte ich als Semesterprüfung noch einmal die genau gleiche Prüfung aus, die sie schon 4 bis 14 Tage zuvor als Zwischenprüfung geschrieben hatten und deren Verbesserung wir zusammen in der Klasse besprochen hatten. (Die Übungen waren übrigens identisch mit denen aus dem Arbeitsbuch.) Denkste! Trotz mehrmaligen Hinweisen und mehr als einem Wink mit dem Zaunpfahl haben von meinen 46 Studierenden nur gerade 12 die Prüfungen bestanden!
An dieser Stelle einige Informationen über das ausgeklügelte Bewertungssystem: Die Studis sammeln während des Semesters Punkte, einerseits mit Hausaufgaben und Zwischenprüfungen (A-Punkte, max.30) andererseits mit Vokabeltesten und Präsenz (B-Punkte, max.30). An der Semesterprüfung werden dann die restlichen 40 Punkte vergeben. Um durchzukommen braucht man mindestens 60 Punkte, also 60%. Nun haben aber die Mongolen das Gefühl, dass alles unter 90 Punkten schlecht sei. (Weniger als 60 Punkte verteilt ein Lehrer schon gar nicht, ich ausgenommen). So kommt es, dass Studenten mit weniger als 90 Punkten wütend sind. Sie versuchen beim Lehrer mehr oder weniger! Punkte zu bekommen. Letzteres, um die Prüfung wiederholen zu können. „Lehrer sehr dumm.“ habe ich mir anhören müssen, weil ich auf die Punkteforderungen nicht eingegangen bin.
Im Sport hatte ich Studenten, die mit einer Zwischensumme von 6, 7 oder 8 Punkten an die Aerobicprüfung kamen. Sie waren während des Semesters kaum anwesend, hatten nicht mitgemacht, mindestens eine Zwischenprüfung verpasst und an der anderen himmellausig abgeschnitten. Dennoch rechneten sie sich mit einem unterwürfigen Handshake vor der Prüfung und einem netten „Sajn bajn uu bagsha“ grosse Chancen auf ein Weiterkommen aus. 'Tschuldigung, aber ich fand es amüsant, als sie es nicht verstehen konnten, dass sie mit 15 Punkten durch- (und aus allen Wolken) gefallen waren. Die denken doch tatsächlich, ODER HALT, ich muss es so sagen, bei anderen Lehrern scheint es doch tatsächlich möglich zu sein, im Unterricht nicht mitzumachen (oder nicht zu kommen), keine Ahnung vom der Materie zu haben, an der Prüfung nicht einmal zu wissen, was zu leisten ist und dennoch locker das Jahr zu bestehen. Tja, nicht bei mir... Aber eben, wer die Prüfung nicht besteht, kann mit Zusatzarbeiten weitere Punkte sammeln und die Prüfung wiederholen. Bis sie bestanden ist. Ich bin gespannt, ob Studis wenigsten das nächste Mal ansatzweise vorbereitet zur Prüfung erscheinen. Und wie oft ich dieses Theater noch mitmache :)
Die Aufgabenstellung im Aerobic war übrigens sonnenklar: Jeder Studi musste alleine der Klasse 4 Schritte unterrichten (4 mal 32 Schläge). Aber nicht einmal die guten Schüler hatten etwas vorbereitet. Und andere standen vor der Klasse, grölten und mussten zurückschauen, weil sie nicht wussten, welche Schritte sie noch machen könnten. Und können dann nicht verstehen, dass sie durchgefallen sind...
Tja, das stille Abkommen zwischen Unterrichtenden und Studierenden: „ SCHÜLER BEKLAGEN SICH NICHT, DASS DIE UNTERRICHTSPERSON NICHT VORBEREITET IST, BZW ÜBER DIE HÄLFTE DER UNTERRICHTSZEIT NICHT ANWESEND IST, DAFÜR BEKOMMEN SIE PROBLEMLOS DIE 90 PUNKTE“, dieses Abkommen wird von mir schlicht und einfach ignoriert.

Interessant ist auch, dass die SuS nicht verstehen können, dass ich alle gleich behandle. Da meinen tatsächlich welche, ich würde ihnen, weil sie schön schauen können, mir ihre Hand auf die Schulter legen, mir meine Tasche tragen oder sich im Lehrerzimmer mit mir alleine aufhalten wollen mehr (oder weniger) Punkte geben. Und das funktioniert laut einer Deutschstudentin auch so. Aber eben, wie an der Neujahresparty gesehen, ist das hier eine grosse Familie. Kommt noch hinzu, dass, wie schon einmal erwähnt, der Lehrer für das schlechte Abschneiden seiner Studenten verantwortlich gemacht wird. Ein jeder Klassenlehrer schaut also, dass von seinen Studenten keiner durchfällt. Hoffentlich bekomme ich hier kein Arbeitszeugnis...:)

Bei der Leichtathletikprüfung wollte doch Tuvsche, der mongolische Sportlehrer mit dem ich zusammen unterrichtete (Ihr könnt ihn auf den Fotos im Ordner „Uni Khovd“ am Deel erkennen.), dass ich Armagul, seiner Lieblingsstudentin, die 65 Punkte aufrunde. Er verfolgte mich sogar bis ins Lehrerzimmer. Ich hab ihm dann auf dem Video klar gezeigt, warum Armaguul „nur“ 65 Punkte hat. Aber dass er sich vor der gesamten Klasse für nur eine Schülerin stark gemacht hat ist schon heftig!
An die Leichtathletikprüfung kam auch Hotbeck. Er hat von meinen 10 Kursen genau 3 besucht. Anscheinend war er krank. Ja und? Soll ich jetzt diesem armen Hotbeck alle Mitmach- und Präsenzpunkte schenken? Und wohl auch jene für die Zwischenprüfung? Das hätte tatsächlich niemanden gestört. Aber dass er keine Ahnung von Fospury Flop und Co. hat, und wie man diese Techniken vermittelt, das ist zweitrangig.

Eben, wie eingangs gesagt, einfach mal alles vergessen, was wir über Universität, bzw. unser Schulsystem wissen. Und munter Punkte verteilen.
An der Deutschprüfung hatte ich Studierende im 3. und 4. Jahr, die während 5 Minuten nur gerade 5 unzusammenhängende Wörter über die Lippen brachten. Aber sie wollen alle „gute (!) Dolmetscher“ werden...

Noch 2 Worte zu den Lehrern hier. Uugenchimeg, eine Mongolin, die dieses Jahr in der Schweiz ist und über Weihnachten nach Khovd zurückgekommen ist, weil es ihrer Mutter nicht so gut geht, hat mir gesagt, dass sie in der Schweiz gemerkt hat, wozu ein Lehrer eigentlich da ist und was sein Aufgabenbereich ist :)
Und kürzlich bin ich mir mit einem mongolischen Lehrerkolleg in die Haare geraten. Er blockiert ständig das Internet und zwar um Disney- und Pornofilme herunterzuladen. Letzteres natürlich versteckt, aber ich hab ihn erwischt. Hab ihm dann gesagt, dass die Uni wohl nicht der richtige Platz ist, um Pornos herunterzuladen.

Nun aber genug zur „Universität“. Die Prüfungen sind ja jetzt vorbei und ich geniesse den unterdurchschnittlich kalten Januar. Wir haben im Schnitt so -25 Grad. Allerdings wird irgendwo in der Steppe gemessen. Mein Thermometer fällt nie so tief. Aber Fussball spielen bei -12 fährt recht ein. Und vom Sonnenuntergangsspaziergang gestern Abend (Fotos auf http://picasaweb.google.com/115788699100634517128/Sonnenunterganspaziergang161?feat=directlink) kam ich doch etwas unterkühlt zurück. Am letzten Donnerstag ist mir sogar die Nasenspitze eingefroren. Hoffentlich kommt das wieder in Ordnung. Meinen Grosseltern danke ich an dieser Stelle für die (warme) Ovomaltine und den Salami - JAMIIIII. Ihr seid die Grössten!
Hier gibt es leider inzwischen nur noch Karotten, irgendeine Rübenart und Kohl zu kaufen. Die beiden Letzten mag ich leider nicht, also fallen meine Mahlzeiten bezüglich Gemüse recht langweilig aus. Nichtsdestotrotz gab es heute „Pizza“. Aber ich muss sagen, am meisten fehlt mir schon das Gemüserayon in der Migros und noch etwas mehr meine schöne, verhältnismässig warme ehemalige Wohnung in Fribourg.
Ferien in meiner kalten Wohnung machen schon nicht so viel Spass. Zudem hatten wir 5 Tage kein warmes Wasser mehr. So sitze ich meistens in der Küche, schreibe, lese, koche, spiele Akkordeon, und kuschele mit der Katze. Langweilig wird mir aber keines Falls, es gäbe noch so viel zu tun. Leider geht man bei dieser Kälte aber nicht gerne nach draussen. Am Samstag wollten sich Sam und ich mongolische Stiefel kaufen. Es war uns dann aber definitiv viel zu kalt, auf dem Markt unsere Schuhe auszuziehen. Der 5-Minuten-Weg zum „Tanzlokal“ ist jeweils gerade noch erträglich. Tanzen macht aber noch immer Spass. Die College-Girls haben mich jetzt sogar als Coach für den Tanzwettbewerb engagiert :)

So, das war der Blog zu den Semesterprüfungen. Ich hoffe, dass es für euch unterhaltsam war. Für mich war es sehr anstrengend. Darüber zu schreiben hilft mir bei der Verarbeitung und es tut mir leid, falls bei euch das Gefühl aufkommen sollte, ich würde mit den Mongolen hart ins Gericht gehen. Es ist auch nicht so, dass ich sie nicht mag. Ausserhalb der Uni sind sie die grössten Schätze. (Deshalb hoffe ich, in Zukunft, mehr ausserschulische Kontakte knüpfen zu können.) Aber auch innerhalb habe ich meine Lieblinge. Was bei mir aber kein Freipass bedeutet. Auch wenn das hier völlig normal wäre.

Bis bald!
Und verpasst bitte auch nicht die neuen Fotos vom Fleischmarkt: http://picasaweb.google.com/115788699100634517128/Markt?feat=directlink
Und endlich online: das Video von unserem Discobesuch:

Alles äusserst sehenswert!

biz

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