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Pferde auf Futtersuche

Montag, 10. Januar 2011

Von Discobesuchen, Betrunkenen und haarigen Bettgeschichten


Wie schon erwähnt, schlage ich mir im Moment die 5 (oder sind es 6?) Wochen Ferien um die Ohren. So genau weiss noch niemand, wann die Uni hier wieder losgeht. Anfangs Februar ist eben noch das mongolische Neujahresfest Tsagaan Sar. Ein Volksfest, das nicht weniger als eine Woche dauern soll und während dem sich die Verwandten gegenseitig besuchen. (Was bei diesen Distanzen hier gut und gerne eine Woche dauern kann.) Zuerst werden die älteren Familienmitglieder besucht und beschenkt, dann alle anderen. Und natürlich wird kräftig Fett mit Fleisch gegessen. Das wir mir eine Völlerei werden, ich esse jetzt schon nur noch Karotten und Rüben. Anderes lokales Gemüse gibt es leider keins mehr. Was würde ich für einen Kopfsalat ...
Aber zurück zu den Ferien. Diese sind dann vorüber, wenn auch das Tsagaan Sar vorbei ist. Und das soll dieses Jahr schon anfangs Februar sein. Eigentlich feiert man dieses Mongolische Neujahresfest dann, wenn der schlimme Winter vorbei ist und die Jungtiere auf die Welt kommen. Dieses Jahr fällt das Fest allerdings schon auf den frühen Februar (Mondkalender). Ich bezweifle, hoffe aber, dass der Winter dann langsam vorbei ist. Es sei zwar bei Weitem nicht so kalt wie letztes Jahr. Damals herrschte in der Mongolei ein Rekordwinter bei dem die Tiere draussen nacheinander erfroren. Aber mir ist es jetzt schon kalt genug. Gestern spielten wir bei mindestens -15 Grad draussen Fussball. Oder war es kälter? Und in meiner Wohnung habe ich 12 Grad in der Küche, 10 im Wohnzimmer und so gegen 6 im Schlafzimmer, alles Höchstwerte. Und draussen soll es nachts gemäss Internet -31 Grad kalt sein.
Tja, da braucht es jeweils einiges an Motivation, sich nach draussen zu begeben. Selbst für einen Discobesuch. So einer war für vergangenen Samstag vorgesehen. Ich und meine Salsa-und Hiphop-TanzschülerInnen hatten beschlossen, wiedereinmal so richtig das Parkett aufzuheizen. Treffpunkt war schon um 19h, da wir, also unsere „Latinmusic“, letztes Mal bei den anderen Discobesuchern unerwünscht waren. (Dabei waren die doch nur eifersüchtig, dass wir so gut tanzen können.) Bis alle da waren, war es dann allerdings wieder 20h. Und viel Salsa und Bachata durften wir auch nicht spielen. „Das störe die anderen Leute.“, meinte die Allrounderin hinter der Theke. Allrounderin, weil das junge Mädchen (sie ist Studentin) zuständig ist für die Bar, für die Musik, für die Reinigung (Toiletten natürlich ausgeschlossen) und für die Sicherheit. Und mit „anderen Leuten“ meint sie einige wenige Frauen und 6 bis 7 Herren, die schon dermassen viel Wodka intus haben, dass sie sich eh nicht mehr auf den Beinen halten können. Doch diese Art Kunde ist natürlich in einer Disco hier mehr willkommen als wir Tänzer. Wir bechern halt nicht so viel, v.a. keinen Wodka. (Wer hat bei -25 Grad draussen auch Lust auf etwas Kühles?!) Wobei man sagen muss, dass die Klubbesitzer hier nicht wirklich eine Ahnung haben vom Geschäft. Dass man keinen Eintritt bezahlen muss, ist ja ok, aber vielleicht sollte man es mal mit guter Musik versuchen. Und einer etwas geschäftstüchtigeren Barmaid. Dass auch Leute reingelassen werden (es gibt keine Eingangskontrollen) die schon sturzbetrunken sind, ist zudem traurig und sicher auch eher schlecht fürs Geschäft. Aber gerade diese Besoffenen werden in der Mongolei sehr zuvorkommend behandelt. Die Allrounderin und auch andere Gäste helfen ihnen beim Wiederaufstehen, man redet ihnen gut zu und tröstet sie, wenn sie ihr eigenes Bier ausgeschüttet haben. Während bei uns diese Gäste schon längst aus dem Lokal geworfen würden, werden sie hier noch vom Barmädchen beim Gang zur Toilette gestützt. Übrigens kennt man hier kein Trinkgeld. Daran kann es also auch nicht liegen.
Widerlich, was für eine soziale Akzeptanz hier der Alkohol geniesst. Wir, die tanzen sind hier quasi unerwünscht. Aber eben, wir haben halt auch Ansprüche. Wir geben uns nicht mit dem gleichen Song alle 15 Minuten zufrieden. Aber das ist durchaus normal hier. Es läuft tatsächlich immer der gleiche Blödsinn. Und sogar Shakira kann einem von der Tanzfläche verbannen, wenn sie alle 20 Minuten gespielt wird. Kommt noch hinzu, dass das Barmädchen, wenn sie die Musik nicht mehr mag, einfach ans „DJ-Pult“ geht und auf dem WindowsMediaPlayer einen anderen Song anklickt. Selbstverständlich ohne zu warten, bis der andere ausgespielt ist. Einen DJ gibt es hier nicht (in anderen Discotheken auch schon gesichtet, aber auch da läuft es aufs Gleiche hinaus: Der Übergang von einem Stück ins andere beträgt entweder eine Schweigeminute oder dann beginnt der neue Song, bevor der Vorhergehende zu Ende ist.) Oft werden Songs nur angeschnitten, 1 bis 2 Minuten. Es ist wirklich ein trauriges Erlebnis, ein Discobesuch hier. Dabei könnte man doch so einfach etwas Richtiges auf die Beine stellen. Ein Problem ist anscheinend aber auch, dass die Leute hier keine Musik kaufen können. Und zum Runterladen entweder zu faul sind oder keinen Internetzugang haben. Und sie wissen einfach nicht, was gerade in den Topten ist. Ich würde liebend gerne einmal DJ spielen, aber es ist ganz klar, dass ich und meine gute, aktuelle Musik hier nicht akzeptiert würden. Die Leute hier wollen immer das Gleiche hören.
Zurück zu unserem Discobesuch vom Samstag. Wir gehen jeweils in die Disco „Seven Star“, weil wir dort bisher immer ein wenig Salsa spielen durften. Ich nehme deshalb immer meinen Memory-Stick mit. Das ist natürlich super, in welcher schweizer Disco kann man schon seine eigene Musik abspielen? Aber das „Seven“ ist auch in einer anderen Beziehung speziell: Hier läuft manchmal nur ganz langsame und sehr leise Musik, weil die Gäste (die gleichen von denen oben die Rede war...) einfach nur sprechen wollen und sich dabei nicht von der Musik stören wollen. Dafür ist die Musik danach um so lauter...
Im „Seven Star“ hat es auch Spiegel an der Wand. Es ist jeweils eine grosse Freude für mich, wenn ich meine „SchülerInnen“ sehe, wie sie, wenn der Song schon zum 3. Mal läuft, vor dem Spiegel die von mir unterrichteten Moves einüben :)
Bei 3 Tanzkursen die Woche (mittwochs HipHop, anschliessend Salsa, freitags Salsa und samstags HipHop), frage ich mich, was diese (wenigen, aber regelmässig (zu spät) kommenden) Lehrer machen werden, wenn ich dann mal nicht mehr hier bin.
In der Disco wird übrigens meistens im Kreis getanzt. Alle, ob fremd oder Freund, stehen in einem grossen Kreis. Und Tektonik ist hier der grosse Renner... :(

Meine HipHopKurse werden in letzter Zeit auch von College-Girls besucht. Sie können einem zwar auch mal versetzen, aber ich mag sie sehr. Sie sind eine ganz andere Generation als meine Studierenden an der Uni. Sie sprechen alle ein recht gutes Englisch, sind offen für Neues und kommen meist pünktlich zu meinen Tanzkursen. Als Vergleich: der Mittwochskurs wurde auf Wunsche meiner Deutschstudenten ins Leben gerufen. Nach 3 Wochen war von denen niemand mehr dabei, dafür viele andere und eben die College-Girls. Er ist schon erstaunlich, dieser Generationenunterschied. Ich vermute, dass das daran liegt, dass in den Mittelschulen hier viele Amerikaner unterrichten. Und dass in den Mittelschulen halt viel professioneller gearbeitet wird als an der Uni. Ich muss aber auch sagen, dass schon nur die Englischstudierenden an unserer Uni viel
aufgeschlossener und zielstrebiger sind als meine Deutsch- und Sportstudierenden.

Und nun noch zu meinem „Meitli“. Die Katze, die ich für Nadya hüte. Ein urkomischer Kautz. Am liebsten springt sie an den Wänden hoch und versucht die Schatten einzufangen. Oder sie rennt in meinem Wohnzimmer (Hier ist gestern übrigens vorübergehend Sam eingezogen, er musste aus seiner Wohnung raus.) den Lichtreflexionen der aufgehängten CDs nach. Dabei springt sie zuerst an einer Wand hoch (Rekord liegt bei 1m50!) und spurtet dann zur gegenüberliegenden Wand, wo sie auch noch einen Sprung ins Nichts zum Besten gibt. Schlafen tut sie unter meiner Bettdecke. Kuschelfaktor garantiert :)
Die Mongolen haben übrigens grösstenteils Angst vor meinem Meitli. Katzen geniessen hier leider keinen guten Ruf. Sie sind böse und haben schlechte Absichten: Sie legen sich ihrem Besitzer auf die Augen, damit er die Gefahren nicht mehr sehen kann.

Und noch eine traurige Story zum Alkohol: Zwischen Weihnachten und Neujahr hat sich hier ein tödlicher Unfall ereignet. Ein betrunkener hat zwei Passanten totgefahren und dann Fahrerflucht begonnen. Sein kaputtes Auto hat man aber hinter seiner Jurte versteckt unter einer Plache gefunden. Vielleicht kommt es ja doch einmal zu einem Umdenken bezüglich Alkohol. Aus religiösen Gründen dürfte man hier übrigens donnerstags keinen Alkohol kaufen. Aber daran hält sich, trotz abgedecktem Alkoholrayon, kaum ein/e Verkäufer/in.
Das Video vom Discobesuch gibt es hier zu sehen:

Viel Spass!


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