In Ulan Bator kann man den Urin seiner Grossmutter einfrieren lassen. Grossi-Urin gilt bei den Mongolen heute noch als Allerweltsheilmittel. Warum soll man sich also nicht absichern für die Zeit, wenn Grossi mal nicht mehr kann/muss...
Quasi alle Mongolen glauben auch an Geister.
Liebe BlogleserInnen. Endlich melde ich mich wieder. Es tut mir leid, dass es um mich so lange still war. Es ist aber seit Februar täglich wärmer geworden, was zur Folge hatte, dass ich mich nicht mehr mit PC und Akkordeon in meine 12 Grad „warme“ Küche zurückziehen musste. Der Frühling ist gekommen und mit ihm sind die Kinder auf die Strassen und Spielplätze zurückgekehrt. Es riecht wieder nach Mongolei, es grünt, Autos fahren wieder (schneller) und die Leute flanieren und sitzen im Freien. Lussii hat auch schon 2 Mal den Hausberg erklommen (siehe Picasawebalbum) und war sogar einmal joggen. Inzwischen hat es auch einmal geregnet (das 1. Mal seit meiner Abreise aus der CH) und in der Wohnung herrschen teilweise tropische Temperaturen. (Die Mongolen haben anscheinend im Winter nicht alle Kohle verheizt. Das funktioniert wahrscheinlich wie in den Schweizer Schulen mit den Budgets, wenn man nicht alles aufbraucht, gibt es nächstes Jahr weniger...)
Ich möchte euch in diesem Blog den Mongolen und die schöne Mongolin etwas näher bringen. Übrigens sind es Letztere, die die mongolische Welt aufrecht erhalten: Es sind die Frauen, die Schnee schaufeln, Einkaufstaschen tragen, mit Pickel einen Betonzaun niederreissen, arbeiten gehen während sich der Mann um die Kinder kümmert, betrunkene Disco-Besucher nach draussen begleiten, den Müll auf der Strasse und in den Treppenhäusern sammeln und „entsorgen“, kochen, den Schulhausplatz putzen,... Männer schauen dabei oft einfach zu (oder fern).
Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wenige. Eine Mongolin hat mir mal erklärt, dass die Männer zu Dschingis Khan Zeiten viel geleistet hätten und sich jetzt in der Erholungsphase befinden würden.
Noch einmal: Es gibt Ausnahmen, aber mal im Ernst, ich bedaure alle engagierten Mongolinnen, die sich hier einen Mann anlachen müssen. Und umgekehrt beneide ich die Mongolen um ihre schönen Frauen... Keine Angst, ich bringe keine mit nach Hause. Ich und eine Mongolin, das würde nie und nimmer klappen. Wie gesagt, der Mongole ist nicht wie wir. Manchmal hab ich sogar das Gefühl, dass man zwischen einer ausserirdische Lebensform und uns Europäern noch mehr Gemeinsamkeiten ausmachen könnte als zwischen uns und dem Mongolen. Das ist keinesfalls abschätzig gemeint! Ich liebe dieses Land noch immer und ich schätze seine Einwohner, Kulturen und Traditionen. Wenn nur das Schulsystem....
Nun also einige mongolische Gegebenheiten, die auch etwas zum Schmunzeln und Nachdenken anregen sollen!
PS: Die beste steht am Ende.
Wenn mein Unterricht zu Ende ist, dann stehen meine Schülerinnen, ab und zu auch mal ein Schüler, vor dem Spiegel beim Ausgang Schlange und kontrollieren ihre Frisuren, ob ihre Kleider sitzen und ob das Make-up noch hält. Noch schlimmer ist Porno-Pet, der vor jedem Verlassen des Lehrerzimmers akribisch kontrolliert, ob seine Frisur schön glatt liegt, sich die Haare aus dem Gesicht streicht und nochmal kräftig ins Lavabo rotzt.
Rotzen tun hier alle Männer, Frauen weniger. Sich mal so richtig den Rotz aus dem Hals würgen und dann kräftig spucken (ins Lavabo oder in den Abfalleimer, draussen oder im Treppenhaus natürlich auf den Boden). Gehört auch zu den Lieblingsbeschäftigungen des Lehrstuhlleiter bevor er das Lehrerzimmer verlässt.
Jener schreibt übrigens auch die Entschuldigungen für die Studierenden seiner Abteilung. Wenn jemand ein Bobo hat, Tölbas mal 2 Tage früher nach Hause muss um beim Anpflanzen zu helfen oder wenn Janargul viel zu lernen hat, dann schreibt er(!) das Ganze auf ein Zettelchen und signiert es.
Und busy ist der Mongole! Er hat immer unglaublich viel zu tun und kommt so immer zu spät. Er tut einem manchmal fast leid. Manchmal...fast...
Vielleicht liegt es aber auch etwas an seiner Organisation. Eine solche kennt der Mongole nämlich nicht. So kommt es vor, dass ein Sporttag von 9h00 bis 22h dauert oder dass man Einladungen zu Weihnachts-, Neujahres- oder sonstigen Veranstaltungen 1-2 Tage zuvor bekommt. Welcher Mongole schmiedet denn schon am Mittwoch Pläne für Freitagabend?! Es gibt ja auch nichts zu machen hier. Abgesehen von einigen Disco-Klubs gibt es keine Ausgangskultur. Eine Einladung zehn Tage im Voraus auszuteilen wirkt eher kontraproduktiv. Es geht die Theorie um, dass man immer der letzten Aufforderung nachkommen müsse. „Suddenly I have some work to do and I can not come.“ war die Erwiderung auf meine Einladung zur „Salsadisco“ und zwar von meinem besten Tänzer, einem Lehrkollegen!
Ist der Lehrer unter der Woche busy, kann es schon mal vorkommen, dass er die Kurse auf Sonntag verschiebt. Das stört niemanden.
Zurück zum Unterricht: Sobald eine meiner Studierenden meine Frage verstanden hat, wiederholt sie sie laut im Plenum, auf Mongolisch natürlich. Oder wenn eine Studentin Mühe hat, ein Wort vorzulesen oder eine Antwort nicht weiss, dann sprechen es alle anderen vor. Das führt leider dazu, dass die schwächeren Studis nichts machen müssen und sich im Unterricht, nicht aber an den Prüfungen, auf die anderen verlassen können. Sich melden per Handheben? Wird sich nie durchsetzen. Und auch wenn ich die Antwort ausdrücklich von Bater-Redio hören will, rufen es trotzdem alle. (Meine Studis sind zwischen 18 und 24 Jahren alt.)
Auf den Schulbänken sitzen die Mongolen übrigens manchmal freiwillig auf engstem Raum zusammen. Jungs und Mädchen. Unsereins könnte sich da kaum konzentrieren. Der Grund ist aber einfach der, dass sie das Lehrmittel teilen müssen und dass hier Körperkontakt ganz anders gewertet wird. Wenn ich jeweils am Laptop ein paar Fotos oder ein Video zeige, dann stützen sich alle auf meine Schultern, um ihre Nase möglichst Nahe in meinen Laptop zu stecken. Da legen mir Studentinnen ihren Arm auf die Schulter oder halten mich um die Taille. Völlig normal! Dabei auch mal dem Lehrer die Brüste zu spüren geben... keinerlei Hintergedanken!
Auch dass sich Mädchen neben mir in der Sporthalle umziehen. (Es gibt ja keine Umkleidekabinen hier.) Zwar decken sich einige notdürftig etwas mit einem T-Shirt den Beckenbereich zu, aber im Grossen und Ganzen kennt man keine Hemmungen.
Frauen laufen auch oft mit offenen Hosen herum. Hosenschlitze sind wahrscheinlich meistens kaputt oder die Hose ist wahrscheinlich „eingegangen“, so dass der Hosenknopf nicht mehr zugeht. Das stört hier aber niemanden.
Mongolen kennen sowieso keine Privatsphäre. Studierende klicken sich durch jegliche Ordner auf meinem Laptop, lesen mein Tagebuch und meine SMS. Esswaren, die nicht versteckt sind, werden ohne zu fragen gegessen. Dafür wird auch eine Schokolade, die jemand als Preis oder als Belohnung erhalten hat, akribisch mit allen Mitstudierenden geteilt
In den Läden kauft der Mongole Kaugummis und Zigaretten einzeln. Und wenn er nur 25 statt 30 Zigaretten haben will, dann entnimmt die Verkäuferin der Packung die fünf überschüssigen Zigis.
Ist vielleicht eine Methode, sich das Rauchen abzugewöhnen. Kann aber auch dran liegen, dass sich die Leute hier nicht mehr Zigaretten leisten können.
Schön brav Schlange stehen kann der Mongole übrigens nur vor dem Spiegel. In den Einkaufsläden oder auf der Post geht der Mongole einfach an der Schlange vorbei und bringt sein Anliegen direkt vor. Meistens wird er dann zusammen mit dem gerade betreuten Kunden abgewickelt.
Womit wir zum Thema Reinreden kommen: Sprechen zwei Professoren zusammen, oder findet im Lehrerzimmer eine Sitzung statt, so ist das für den Studenten oder wen auch immer kein Grund, wenigstens auf eine Gesprächslücke zu warten. Nein! Er macht die Lehrerzimmertür auf und ruft sein Anliegen in den Raum. Die Gelehrten unterbrechen selbstverständlich ihr Gespräch und gehen darauf ein. Ist hier völlig normal. Zum Teil überlappen sich die Anliegen sogar, so dass man eigentlich gar nicht mehr weiss, wo man eigentlich war.
Die Lehrerzimmertür hat übrigens keine Türfalle. Anklopfen tut niemand. Alle paar Minuten streckt jemand seinen Kopf hinein und fragt nach diesem oder jener. Oder man schaut einfach hinein, weil man gwunderig ist.
Ähnlich läuft es beim Einkaufen. Auch wenn die Kassiererin gerade mein Geld einzieht, hindert das den Mongolen nicht daran, gleichzeitig von ihr 2 Zigaretten oder Guthaben für sein Handy zu verlangen.
Zum Teil steht der Mongolen in der Schlange aber auch nicht an, er hat sich einfach einen guten Platz ausgesucht um besser zuschauen zu können.
Wie beim Geldautomaten: Die fehlende Intimsphäre macht sich auch beim Geldabheben bemerkbar. Es ist hier völlig logisch, dass man nicht hintereinander, sondern übereinander ansteht. Geheimzahl? Je mehr Leute sie kennen, um so sicherer ist doch das Ganze. Eine Schlange am Geldautomaten oder an einem Bankschalter kann übrigens gut und gerne aus 40 Leute bestehen.
Schlange stehen die Mongolen bei Stromausfall auch an der Tankstelle. Zwar gibt es 500m weiter zwei weitere Tankstellen, die sogar ohne Strom Benzin ausgeben können, aber aus unerklärlichen Gründen steht der Mongole lieber einige Stunden an und verschiebt seine Ausfahrt auf später.
Telefonnummern können die Mongolen übrigens auswendig. Alle und jede! Hab ich eine unbekannte Nummer auf meinem Handy, so erkennen sie sofort, ob sie die Nummer kennen und wenn ja, wem sie gehört. Wahnsinn! Und praktisch! Wenn man mal mit dem Handy des Lehrers telefonieren muss (Akku leer und Stromausfall).
Apropos Handy: Wenn ein Studierender telefonieren muss, dann verlässt er das Seminar halt kurz. So auch die Professoren. Man ist halt hier wahnsinnig busy und wichtig. Deshalb kommen Professoren schon mal 30 Minuten zu spät zum Unterricht. Für die Studis völlig normal und wird ohne Widerrede akzeptiert. Der Lehrer hat ja schliesslich immer Recht. Jemand, der Zeit hat pünktlich zu sein, ist nichts wert.
Nicht ganz so zahlen-virtuos gibt sich der Mongole beim Rechnen. Nehmen wir an, mein Einkauf kostet 2500 Tugruk und ich bezahle mit einer 5000er Note: Hier, aber auch in einfacheren Fällen bedient sich der Mongole des Taschenrechners. Und das liegt nicht daran, dass er denkt, ich würde die Zahlen nicht kennen! Auch wenn Mongolen 1kg Fleisch kaufen, wird der 100 Gramm-Preis mit dem TR hochgerechnet. Sie staunen dann jeweils, wenn ich ihnen das ganze auf Mongolisch vorrechne, noch bevor sie ihren TR zur Hand haben.
Jetzt aber nochmals zur Tür: Das mongolische Anklopfen an der Wohnungstür kann lautmalerisch nicht mit „DOCK! - DOCK!“ wiedergegeben werden. Vielmehr trifft es „dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!dock!....“ und zwar möglichst leise und so lange, bis die Tür geöffnet wird. Ich nehme an, dass das ein rudimentäres Verhalten ist, aus der Zeit, als man noch an Jurtentüren klopfte. Bei dieser kleinen Behausung reichte ein leises Klopfen, zudem war schnell jemand da, um die Tür zu öffnen. Heute „pöpperlet“ der Mongole weiterhin an den Türen. Wenn niemand öffnet, minutenlang.
In einer modernen Duplex-Wohnung in UB geht es übrigens nicht anders zu und her als in einer Jurte auf dem Land. Zwar gibt es haufenweise Luxus, der irgendwie überhaupt nicht zur Mongolei passen will, aber wie in der Jurte, ist es ein ständiges Kommen und Gehen von Bekannten und Unbekannten (es wird einem niemand vorgestellt). Und wie es zur mongolischen Gastfreundschaft gehört, wird jeder Gast auch bekocht. Essen tut man aber nicht gemeinsam am grossen, modernen Tisch, sondern auf dem Sofa (vor dem Flachbildschirm) oder halt irgendwo auf einem Hocker. Es ist heiss und nachts muss man gut aufpassen, dass man nicht über Gäste und Familienangehörige stolpert, die auf Sofa und Boden schlafen. Wo die plötzlich alle herkommen?
Und wenn wir schon in UB sind: Es handelt sich hierbei wohl um die verrückteste Hauptstadt der Welt. Arm und reich, Tradition und Moderne klatschen hier aufeinander. Während draussen einer (seinen Rausch) auf dem Gehsteig, einen halben Metern neben der (dauerverstopften) Strasse ausschläft, lässt sich der andere Mongole im Kaffee von der Kellnerin sein Würstchen schneiden, Senf und Mayo auftragen und die Brötchen streichen. Ich hätte den Kerl erwürgen können...
Genau diese Leute sind es auch, die sich am meisten über den Verkehr, also über die vom Land in die Stadt umgezogenen Nomaden, die jetzt mit ihren Gelegenheitstaxis die Strassen verstopfen, aufregen. Sie selber fahren aber die grössten Benzinschleudern (Offroader) und würden sich um keinen Preis in einen öffentlichen Bus zum Fussvolk setzen oder gar ein paar Schritte zu Fuss machen. Lieber stehen sie täglich stundenlang im Stau.
Die wohlbehüteten Kinder dieser Leute sind es dann, die mit dem Taxi zur Uni fahren, die am Abend nicht ausgehen (dürfen) und die über ihre Heimatstadt nicht das Geringste wissen.
Dafür hab ich in den Discotheken in UB endlich mal die Songs zu Ende hören können. Bei uns in Khovd wird ja kein Lied ausgespielt. Dafür tanzt der Mongole in Khovd auch mal mit dem Akkuladegerät in den Händen. Und jeder darf am Mischpult die Lautstärke hochdrehen.
Eine Salsadisco in UB unterscheidet sich nicht gross von einer normalen Disco. Naja, es weiss halt niemand, wie man Salsa tanzt. Aber alle möchten es gerne lernen... Ich wurde wohl noch nie derart angehimmelt, von Männern! :)
Wobei ich auch die strahlenden Augen meiner Salsaschülerin und Lehrkollegin Gima nie vergessen werde. Es hat sich so ergeben, dass ich nach jedem Tanzkurs mit den Frauen einen Song (oder auch zwei) tanze. Die Mischung von Freude und Nervosität in Gimas Gesicht, wenn sie jeweils an der Reihe ist und sich von der Bank erhebt, berührt mich jedes Mal aufs Neue.
Der Mongole verbringt viel Zeit des Tages mit dem Putzen seiner Schuhe. Sauberes Schuhwerk ist wichtiger als ein geschlossener Hosenladen. Vor jedem öffentlichen Gebäude hat es „Staubwedel“, um vor dem Eintreten die Schuhe vom Staub zu befreien.
Zum Thema Wettbewerb: Was bei uns Pisa-Studie heisst, wird hier Olympiade genannt. Aus dem ganzen Aimag (Kanton) treten SchülerInnen und Lehrpersonen(!) gegeneinander an. Und wehe, die renommiertere Schule unterliegt einer anderen! Das kann auch gerne mal zu Handgreiflichkeiten oder mindestens zu Gehässigkeiten zwischen den Lehrpersonen führen. Ähnlich bei den SchülerInnen: Wer nicht 1., 2. oder 3. wird, bekommt von der Lehrperson erst mal ein Rüffel und gilt als schlechter Schüler.
Nach diesem Schema reagierten auch meine „Spice Girls“, nachdem sie bei einem Tanzwettbewerb nur vierte wurden. „We are so sorry teacher!“ „We are sorry, we are very bad!“, als hätten sie mich soeben ins Elend gestürzt. Hier zählt halt nur der beste, leider.
„Sorry teacher!“ sind ungefähr die einzigen Englischworte, die auch meine Sportstudenten beherrschen. Trotz Englischunterricht an der Uni! Ich höre sie von ihnen immer dann, wenn sie Blödsinn gemacht, mir nicht gehorcht haben oder wenn sie zu spät kommen. Für sie ist es damit erledigt und ein „Sorry teacher“ gilt quasi als „carte blanche“. Sie sehen keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern. Und wenn einer einmal etwas tiefere Schuldgefühle hat, hilft er mir auch mal beim Packen meiner Sachen oder er trägt mir meine Tasche ins Lehrerzimmer. Auch das entschuldigt natürlich für alles.
Die Tanz-und Singwettbewerbe können übrigens gut und gerne 4 Stunden dauern. Ohne Pause! Wer auf Toilette geht, ist selber schuld. Weil die Toilette dreckig ist, nicht abgeschlossen werden kann (Ich habe in ganz Khovd noch keine Toilette gesehen, die man abschliessen kann. Für uns Männer ist das ja nicht so schlimm, aber Frauen müssen immer eine Kollegin als Aufpasserin mitnehmen.) und weil der Sitzplatz danach nämlich mit Sicherheit besetzt ist. Kaum jemand sitzt am Ende der Veranstaltung noch auf dem gleichen Platz wie zu Beginn (abgesehen von denen, die eingenickt sind). Wobei ich ehrlich zugeben muss, dass ich noch nie bis zum bitteren Ende aushielt.
Ein Konzert (jeglicher Art) in Khovd muss man sich folgendermassen vorstellen: Es hört niemand wirklich zu. (Den mangelnden Respekt gegenüber Musikern habe ich ja schon früher erwähnt.) Geklatscht wird nicht nach dem Lied, sondern irgendeinmal mitten im Lied geht eine Welle der Begeisterung durch die Ränge (wenn das Publikum noch nicht zu müde ist). Wenn das Lied fertig ist, hat das auf den Lärmpegel unter den Zuschauern keinen signifikanten Einfluss. Und wenn die Band ihren letzten Song ankündigt, dann machen sich die Zuschauer auf den Heimweg. Noch bevor die Band fertig ist, ist der Konzertsaal leer.
Steht man bei einer solchen Veranstaltung (aber auch in jeder anderen Situation) jemandem auf den Fuss oder berührt man sich unabsichtlich mit den Beinen, dann entschuldigt man sich mit einem kurzen Händedruck. Eine wahnsinnig schöne Geste.
Jedoch sind die Mongolen nicht immer so nett miteinander. Heimkehrende Schüler vertreiben sich die Zeit gerne, indem sie sich gegenseitig verhauen (aus Spass). Und falls einmal ein Sportstudent dem Lussii aus Versehen die Lippen aufschlägt, weil er bei der Akro-Figur unglücklich reagiert hat, dann wird ihm von anderen Klassenkollegen schon mal der Hintern versohlt.
Der Mongole an sich ist aber sehr mutig. Ich bewundere meine Sportstudenten, die sich um einiges mutiger zeigen als die SchülerInnen in der Schweiz. Das Unterrichtssystem hier hat aber leider zur Folge, dass die Studierenden völlig unfähig sind, selbständig etwas zu erarbeiten. Wenn ich ihnen einige Minuten Übungszeit gebe, dann wollen es immer alle gleich vorzeigen „Bagsh! Bagsh! Be! Be!“ (Lehrer! Ich!) Auch wenn es noch niemand beherrscht. Und sie haben auch nicht vor, es zu üben, dafür fehlt den meisten Mongolen der Ehrgeiz. Was nicht von Anfang an geht, ist ihnen zu schwer. Da spielen sie lieber Basketball, sprich sie werfen irgendetwas auf den Korb: Fresbee, Handball, Bändeli, Hütchen, Jonglierball, Springseil,... Aber eben, wirklich Basketball spielen können sie nicht. Es wirft einfach jeder, der den Ball in die Finger bekommt.
„Bagsh“ sagen sich hier übrigens auch die Lehrer untereinander. Und die Studis rufen auch immer nur „Bagsh“. Oder bei mir eben Lussii.
Leider gibt es in der Mongolischen Sprache kein „Bitte“. Zu gerne möchte ich jeweils etwas Höflichkeit an den Tag legen, aber dieses „bitte“ existiert nicht. Danke sagt man auch kaum. Und ich bin auch der einzige, der sich von den anderen verabschiedet, wenn er das Lehrerzimmer verlässt. Auch mit dem Tür aufhalten haben es die Mongolen nicht. „Hauptsache, ich komme raus.“ Da muss man schon mal aufpassen, dass man nicht überholt oder zerquetscht wird, wenn man einem Entgegenkommenden den Vortritt lassen will.
Lehrer in der Schweiz haben auch schon das dürftige Grundwissen der Mongolischen Austausschülerinnen in der Schweiz angesprochen. Ja, der Mongole weiss nicht viel. Norden auf einer Landkarte? Postleitzahl seiner Heimatstadt? Öffnungszeiten des lokalen Marktes? Warum der Strom ständig ausfällt? Wer ist Osama bin Laden? Wo liegt wohl Brasilien? Frauentag? - Egal, Hauptsache frei... Wenn sie ihre Emailadresse angeben (sofern sie denn eine haben) lautet die : xxy. Dass das @yahoo.com ist, liegt für sie auf der Hand. Und bei der Aufklärung mangelt es leider auch. Die Uni führt etwas Aufklärung durch, aber das ist leider für einige schon zu spät.
Es kann auch mal vorkommen, dass es ein Betrunkener (Vater?) am Sicherheitswachmann vorbei bis in unser Lehrerzimmer im 2.Stock schafft (wobei die Treppe ihm mehr Mühe bereiten dürfte als der Wachmann) und dann auf einen Stuhl sitzend dem Lehrstuhlleiter die Ohren vollabert. Jener ignoriert ihn und versucht weiter zu arbeiten. Den Gast hinauszuwerfen wäre unhöflich. Das Gleiche gilt leider auch in Discos.
Und das Beste zum Schluss:
Es ist bekannt, dass der Kasache (eigentlich ein Mongole, aber halt Kasache,...ein Blogthema für sich) sehr viel Pferdefleisch ist. Wozu das gut sein soll, dass könnt ihr euch ja denken: Der hohe Konsum von Pferdefleisch führt beim Mann zu einem starken Penis. Und wozu das gut ist, das, nein, das erratet ihr nie!
Der Kasache glaubt nämlich, dass ein starker Penis vor AIDS schützt! :)
So, das war viel, aber hoffentlich informativ und unterhaltsam.
Mir bleiben hier noch 3 Wochen Unterricht und dann die Prüfungen (HILFE!).
Solltet ihr mal sehen wollen, wie eine Sportlektion hier abläuft, dann dürft ihr gerne einen Blick in meine Prüfungslektion (für SG) werfen. Die Videos sind online, unter:
Die Studis sind aber aussergewöhnlich brav (obwohl sie nicht wussten, warum/dass sie gefilmt wurden) und die Lektion ist fast langweilig. Allerdings sorgt die Putzfrau, die während dem Sitzball den Boden wischt, für etwas Action ! Hat sie übrigens auch heute wieder gemacht. Unser Spiel stört sie nicht :) VIVE LA MONGOLIE! Ich werde es vermissen, wenn auch nicht alles.
Tout de bon und danke für eure Aufmerksamkeit
Lussii
Fotolink:
(Neu sind „Hausberg mit Nadya“, „Hausberg mit Alex“ und Tölbasfamilie Buyant“)
Du sprichst mir aus dem Herzen! Nur das mit dem Klopfen stimmt hier nicht. Da wird so lange und lautstark an der Tuere geruettelt, bis man die Geduld verliert und doch aufmacht ;-)
AntwortenLöschenJulia aus UB